Gewalt heute und gestern "Eine hochpolitische Frage"

Die Zahl der Toten ist immer eine hochpolitische Frage", sagt die Politologin Sabine Kurtenbach vom Hamburger Giga-Forschungsinstitut, die in den Krisenregionen Lateinamerikas forscht. Obwohl sie Pinkers Thesen als Herausforderung für den Kulturpessimismus vieler Gewalttheoretiker begrüßt, weist sie auf die ungelösten Probleme schon bei den Begriffen hin.

Zwar nehme die Zahl der Kriege derzeit ab, wenn man sie klassisch definiert als militärische Konflikte zwischen und in Staaten mit mehr als 1000 Toten pro Jahr. Doch wie verhält es sich mit den neuen unübersichtlichen Konflikten in Afrika und im Mittleren Osten, die manche Forscher die Neuen Kriege nennen und wo kaum brauchbare Daten existieren?

Pinker ruft dennoch die Epoche des Neuen Friedens aus. "Bürgerkriege, Völkermord, Unterdrückung durch selbstherrliche Regierungen und terroristische Anschläge - sind auf der ganzen Welt seit Ende des Kalten Krieges 1989 zurückgegangen." Alle Kurven zeigen nach unten, und immer noch würden in den USA mehr Menschen durch entflammte Schlafanzüge sterben als durch Terrorismus.

Die Behauptung, dass die Neuen Kriegen 80 bis 90 Prozent zivile Opfer forderten, sei "völliger Unsinn", sagt Pinker, zudem sei die Zahl der Opfer insgesamt geringer als beim Kampf staatlicher Armeen, schon wegen der schlechten Bewaffnung. So einfach sei es nicht, widersprechen Experten. So ließen sich Kombattanten und Zivilisten im Kongo oder in Somalia oft nicht auseinanderhalten, weil sie ihre Rollen ständig wechselten.

Entscheidend sei zudem, welche indirekten Kriegsopfer mitgezählt werden, sagt Münkler. "Gehören diejenigen, die infolge einer HIV-Infektion nach einer Vergewaltigung fünf Jahre später sterben zu den Kriegsopfern oder nicht?" Und auch mit primitiven Waffen seien entsetzliche Massaker möglich. "Das haben die Hutu mit ihren Macheten in Ruanda gezeigt."

Dennoch gibt auch Münkler zu: "Vermutlich ist die Welt friedlicher geworden, als sie es in der Frühzeit war - für uns Europäer sicher." Ob es in anderen Regionen auch so sei, könne man nicht sagen.

Selbst wenn sich Pinkers Thesen bestätigen sollten, was haben leidende Menschen in gescheiterten Staaten davon, wenn ihnen Steven Pinker erklärt, dass die Weltgewalt im Durchschnitt sinke?

Vielleicht die Hoffnung, dass die Menschen trotz ihrer immer zur Gewalt fähigen Natur angenehmere Lebewesen werden können.