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Gesundheit:Milch nein, Käse ja

Viele Menschen verzichten wegen einer echten oder vermeintlichen Laktose-Intoleranz auf alle Milchprodukte. Das müsste nicht sein.

Von Astrid Viciano

Warum vertragen manche Menschen keine Milch?

Früher waren wir Menschen keine Milchtrinker. Der weiße Saft bekam uns als Erwachsenen gar nicht, was vor allem am Milchzucker lag, der Laktose. Den konnten ursprünglich vor allem Babys verdauen, solange sie Muttermilch bekamen. Das änderte sich in Europa vor rund 7500 Jahren, dann führte eine Genmutation auf Chromosom 2 dazu, dass seither manche Erwachsene Milchzucker vertragen. Bei ihnen spaltet das Enzym Laktase auch später im Leben weiterhin die Laktose in zwei Einfachzucker. Die gelangen dann über die Darmwand ins Blut. Ähnliche Genvarianten wie in Europa traten auch in manchen Bevölkerungsgruppen Afrikas auf.

Was passiert, wenn das Enzym nicht mehr genug Milchzucker spaltet?

Es kommt so gut wie nie vor, dass Erwachsene gar keine Laktase mehr produzieren. Die Aktivität des Enzyms nimmt nur bei Erwachsenen ohne die Genvariante besonders stark ab - bei manchen so sehr, dass viel Laktose im Darm übrig bleibt. Dann stürzen sich die Darmbakterien auf den Milchzucker, dabei entstehen Gase. Blähungen, Bauchkrämpfe und sogar Durchfälle können die Folge sein, typischerweise 15 bis 30 Minuten nach dem Essen. Dann leiden Menschen an einer Laktoseintoleranz. Das ist bei etwa 15 Prozent aller Erwachsenen der Fall. Das ist zwar unangenehm, aber nicht gefährlich.

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Zunächst wird er im Gespräch fragen, wann die Symptome vor allem auftauchen, zum Beispiel, nachdem der Patient sein Müsli mit Milch gefrühstückt hat. Im Gegensatz zu anderen Nahrungsmittelunverträglichkeiten lässt sich die Laktoseintoleranz gut eingrenzen. Dennoch macht der Arzt dann noch einen Atemtest und einen Ultraschall, testet auf spezielle Antikörper im Blut, um Darmerkrankungen wie eine Zöliakie auszuschließen. Auch eine Magenspiegelung kann nötig sein.

Was ist der Unterschied zu einer Kuhmilchallergie?

Im Gegensatz zur Laktoseintoleranz kommt es bei der Kuhmilchallergie zu einer fehlgeleiteten Reaktion des Immunsystems gegen bestimmte Milcheiweiße, die eigentlich harmlos sind. Es kommt, ähnlich wie bei der Laktoseintoleranz, zu Blähungen, Durchfällen, aber auch zu Rötungen der Haut und Juckreiz, schlimmstenfalls zum anaphylaktischen Schock. Eine Kuhmilchallergie ist sehr selten, sie kommt meist nur bei Kleinkindern vor und verliert sich mit zunehmendem Alter.

Was passiert, wenn die Diagnose einer Laktoseintoleranz gestellt ist?

Dann soll der Patient vier Wochen lang fast vollständig auf Nahrungsmittel verzichten, die Laktose enthalten. Im Anschluss steigert er - in Zusammenarbeit mit dem Arzt - die Aufnahme von Laktose wieder. Allerdings sollte das nur langsam geschehen, um die Toleranzschwelle für Laktose zu finden. Die Menge an Laktose also, die der Patient pro Tag zu sich nehmen kann, ohne dass es ihm schlecht geht.

Worauf sollten Patienten noch achten?

Sie sollten auf keinen Fall versuchen, dauerhaft vollständig auf Laktose zu verzichten. Damit erreichen sie nur, dass ihr Körper die Produktion des Enzyms Laktase komplett einstellt und sie dann selbst kleinste Mengen an Laktose nicht mehr vertragen. Stattdessen sollten sie sich kundig machen, welche Lebensmittel wenig Laktose enthalten.

Welche Milchprodukte wären das?

Hartkäse zum Beispiel. Je älter und körniger ein Exemplar ist, desto weniger Laktose ist noch darin enthalten. Ein Gouda oder ein Parmesan zum Beispiel. Den können Patienten mit Laktoseintoleranz meist problemlos essen. Auch Kefir enthält wenig Milchzucker. Frischkäse, Joghurt und Buttermilch dagegen enthalten viel Laktose, ebenso wie natürlich die Milch an sich.

Können die Patienten das Enzym einnehmen, um Milchzucker zu verdauen?

Laktase gibt es tatsächlich als Pulver zu kaufen. Menschen mit Laktoseintoleranz nehmen es manchmal ein, wenn sie bei Freunden eingeladen sind oder ins Restaurant gehen und sich nicht einschränken wollen. Allerdings haben in diesem Jahr gleich zwei Studien gezeigt, dass Laktasepulver einem Placebo in seiner Wirkung nicht überlegen ist. Es nützt den Patienten also offensichtlich nicht. Einen Schaden durch die Einnahme des Pulvers müssen sie aber auch nicht befürchten.

Sollten Erwachsene denn überhaupt Milch konsumieren?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt gesunden Erwachsenen, täglich 200 bis 250 Gramm Milch oder Joghurt sowie 50 bis 60 Gramm Käse zu konsumieren. Denn in der Milch sind wertvolle Vitamine, vor allem B2 und B12, enthalten, auch Spurenelemente wie Zink und Jod. Manche Studien deuten darauf hin, dass Kalzium, Fette und Eiweiß der Milch sogar vor Krebs schützen könnten, zum Beispiel vor Darmkrebs. Allerdings hängt die Entstehung von Tumorerkrankungen von vielen verschiedenen Faktoren ab. Nicht nur die Ernährung spielt eine Rolle, auch der Lebensstil, die Umwelt, die Gene sowie auch die Psyche eines Menschen. Daher ist der Einfluss, falls vorhanden, als gering anzusehen.

© SZ vom 16.12.2017
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