Gesundheit in den Industrienationen Immer weniger Herzinfarkte

Die Gefahr fürs Herz wird kleiner: Seit etwa 25 Jahren bekommen immer weniger Menschen einen Infarkt - zumindest in den wohlhabenden Ländern. Trotzdem sind dort Herzkreislaufleiden neben Krebs noch immer die häufigsten Todesursachen.

Von Werner Bartens

Die Gefahr fürs Herz wird kleiner. Seit etwa 25 Jahren ist dieser Trend zu beobachten, zumindest in den wohlhabenden Ländern. Dort bekommen weniger Menschen einen Infarkt, auch wenn Herzkreislaufleiden neben Krebs noch immer die häufigsten Todesursachen in Industrienationen sind.

"Die deutliche Abnahme der Infarkte innerhalb von zwei Jahrzehnten zeigt, wie viel sich erreichen lässt, wenn man Risikofaktoren bekämpft und seinen Lebensstil ändert", sagt die Britische Wissenschaftlerin Sarah Hardoon von der Universität London.

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Britische Ärzte und Epidemiologen um Sarah Hardoon von der Universität London haben untersucht, wie stark der Rückgang ist und auf welche Ursachen er zurückgeführt werden kann (European Heart Journal, online).

"Die deutliche Abnahme der Infarkte innerhalb von zwei Jahrzehnten zeigt, wie viel sich erreichen lässt, wenn man Risikofaktoren bekämpft und seinen Lebensstil ändert", sagt Hardoon.

Die Wissenschaftler haben seit 1985 mehr als 103.00 Beamte aus London in der sogenannten Whitehall-Studie untersucht. Zu Beginn waren die Teilnehmer zwischen 35 und 55 Jahre alt. Insgesamt erlitten 256 von ihnen, darunter 208 Männer und 48 Frauen, in den folgenden zwei Dekaden einen Infarkt.

Die periodische Auswertung der Daten ergab, dass die Herzinfarktrate in 20 Jahren um 74 Prozent gesunken ist und zwar ähnlich stark bei Männern wie Frauen. Untersuchungen in anderen Industrienationen waren zu vergleichbaren Ergebnissen gekommen.

In Ländern mit mittlerem Durchschnittseinkommen steigt die Rate der Infarkte hingegen weiterhin an. In Brasilien, Indonesien, Pakistan, Russland und vergleichbaren Nationen haben immer mehr Menschen erhöhte Blutfette, Bluthochdruck, Übergewicht und einen ungesunden Lebensstil.

In der aktuellen Studie konnten die britischen Forscher ermitteln, dass mehr als die Hälfte des Rückgangs mit fünf veränderten Risikofaktoren erklärt werden konnte. Im Vergleich zu 1985 rauchten 20 Jahre später weniger englische Beamte, ihr Blutdruck war niedriger, das "gute" HDL-Cholesterin höher und das "schlechte" übrige Cholesterin niedriger. Die Teilnehmer aßen zudem mehr Obst und Gemüse; dieser Einfluss war zwar erkennbar, aber nicht statistisch aussagekräftig.

Der Trend, dass Infarkte seltener werden, wäre noch stärker ausgefallen, wenn nicht gleichzeitig der Anteil der stark Übergewichtigen zugenommen hätte, so die Forscher. Allerdings endete der Studienzeitraum schon 2004; in den vergangen Jahren wurde aus den USA und mehreren europäischen Ländern berichtet, dass der Prozentsatz der besonders Dicken nicht weiter ansteige.

Die Forscher wissen, dass weitere Faktoren ebenfalls zum Rückgang der Infarkte beigetragen haben könnten. Dass sich auch Therapie und Früherkennung verbessert haben, floss nicht in ihre Studie ein. Forscher aus Cambridge zeigten 2008 an 20.000 Briten, dass Menschen mit depressiver Neigung fast dreimal so oft am Herzinfarkt sterben wie Nicht-Depressive, die gleich alt sind. "Negative Gefühle erhöhen bei allen Menschen die Gefahr für einen Infarkt so stark wie Bluthochdruck", sagt Karl-Heinz Ladwig, Experte für Psychokardiologie an der Technischen Universität München.

In einer Studie mit 30.000 Teilnehmern aus 52 Ländern beobachteten kanadische Forscher, dass Stress und Unzufriedenheit in Beruf, Familie oder Partnerschaft das Infarktrisiko um den Faktor 2,67 erhöhten. Damit wirkten sich emotionale Nöte fast so stark auf die Gefahr aus, einen Herzinfarkt zu bekommen, wie der klassische Risikofaktor Rauchen (Faktor 2,87) und stärker als Diabetes (Faktor 2,37) oder Bluthochdruck (Faktor 1,91).