Geschwister zwischen Liebe und Rivalität Die harmonischste Konstellation

Diese sogenannte Theory of mind entwickeln Kinder mit älteren Geschwistern früher als Einzelkinder oder Erstgeborene. Der Grund dafür könnte sein, dass Geschwisterkinder in der Familie mehr als doppelt so oft über Gefühle und Gedanken sprechen wie Einzelkinder. "Diese Art von Unterhaltung ergibt sich meist beim Spielen mit Bruder oder Schwester", sagt Jenkins. "Mit den Eltern findet sie viel seltener statt." Erstgeborene schneiden dafür in Intelligenztests oft um einige Punkte besser ab als die nachfolgenden Geschwister. Psychologen führen das unter anderem auf ihre Rolle als Lehrer für die Jüngeren zurück.

Viele Familienforscher sind inzwischen überzeugt, dass sich Geschwister gegenseitig erziehen und so Grundlagen für den späteren Umgang etwa mit dem Partner oder mit Arbeitskollegen legen. "Das Besondere an der Geschwisterbeziehung ist das Schicksalhafte", sagt Kasten. Geschwister kann man sich nicht aussuchen, und man kann die Beziehung zu Bruder oder Schwester auch nicht beenden wie etwa eine Freundschaft. "Geschwister sind unter Umständen gezwungen, sich mit einem Menschen auseinanderzusetzen, mit dem sie sonst vielleicht nichts zu tun haben wollen würden", sagt Raphaela Reindl, Mitarbeiterin des Deutschen Jugendinstituts in München. Dabei lernen sie, dass man sich mögen kann, auch wenn die Meinungen oder Charaktere sich unterscheiden. Und sie üben täglich das Wechselspiel zwischen Nachgeben und sich Durchsetzen.

Wer es in der Kindheit schafft, gut mit seinen Geschwistern auszukommen, wird vermutlich auch im späteren Leben soziale Kompetenz beweisen. Diesen Schluss lässt eine Untersuchung des Psychologen Daniel Shaw von der University of Pittsburgh zu. Er zeigte Geschwisterpaaren im Kindergartenalter drei Spielzeuge, erlaubte ihnen aber nur, eines davon zu benutzen. Um es gegen eines der beiden anderen zu tauschen, mussten sich die Kinder über zwei Dinge einigen: Dass sie mit dem ersten nicht mehr weiterspielen wollten und welches der beiden anderen Spielzeuge es stattdessen sein sollte. Es gab Paare, die sich mit einem einzigen Wort einigten, bei anderen kam es zu regelrechten Prügeleien. Später beobachtete der Psychologe dieselben Kinder in der Schule und erkundete ihre soziale Kompetenz. Das Ergebnis war eindeutig: Kinder, die es geschafft hatten sich mit ihrem Geschwister auf den Spielzeugtausch zu einigen, konnten auch Konflikte in der Schule gut lösen.

"Eltern können zwar einiges tun, um das Verhältnis ihrer Kinder positiv zu beeinflussen", sagt Kasten. Doch vieles hängt auch von Faktoren ab, die Mutter und Vater nicht ändern können. Etwa vom Geschlecht und vom Altersabstand. In der Regel gilt: Je geringer der Altersunterschied, desto größer ist die Nähe, aber auch das Konfliktpotential. Brüder, die in engem Abstand geboren wurden, konkurrieren häufig miteinander. Im Alter zwischen drei und fünf Jahren geht es dabei meist um die Liebe und Anerkennung der Mutter. "Die größte Nähe besteht oft zwischen zwei Schwestern", sagt Kasten; trotzdem komme es oft zu hitzigen Streitereien, die Mädchen aber seltener handgreiflich austragen als Jungs. Das heißt aber nicht, dass die Auseinandersetzungen weniger heftig sind. Gleichzeitig ist die Vorbildfunktion des älteren Kindes für das Jüngere bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern häufig stark. "Eine Zwölfjährige will nicht sein wie ihre Mutter - sie schaut, was ihre 15-jährige Schwester macht", sagt Laurie Kramer.

Das Verhältnis unter gemischtgeschlechtlichen Geschwistern ist meist entspannter. Jungen und Mädchen kommen sich weniger in die Quere, da sie oft verschiedene Interessen und Vorbilder haben. Bei der Konstellation "große Schwester-kleiner Bruder" kann es allerdings zu heftigen Konflikten kommen, sobald der Bruder in der Pubertät seiner Schwester körperlich überlegen wird. Er stellt dann fast zwangsläufig die bisherige Rollenverteilung in Frage. Am harmonischsten funktioniert nach Erfahrung von Kasten die Kombination großer Bruder, kleine Schwester mit drei bis vier Jahren Altersunterschied. "Studien zeigen, dass es in Familien mit dieser Konstellation am seltensten zur Scheidung der Eltern kommt", sagt Kasten. Der Junge kann und darf seine männlichen Eigenschaften als großer Bruder ausleben. Das Mädchen passt mit seinen weiblichen Eigenschaften gut in die Rolle der kleinen Schwester. Beide finden die Anerkennung der Eltern, weil sie den erwarteten Rollenstereotypen entsprechen.

Von Nischen und Rollen

Andere Geschwister müssen sich erst mühsam eine Nische innerhalb der Familie erobern, in der sie konkurrenzlos anerkannt sind. Psychologen bezeichnen diesen Prozess, der sowohl bewusst als auch unbewusst ablaufen kann, als "Deidentifikation". Er ist einer der Gründe dafür, dass sich Geschwister, die im Schnitt die Hälfte ihrer Gene gemeinsam haben, sehr unterschiedlich entwickeln können. Sinn der Deidentifikation ist es wahrscheinlich, Rivalität, Eifersucht und Neid zu verringern. Der Mechanismus wirkt umso stärker, je ähnlicher sich ein Geschwisterpaar im Grunde ist.

Diese Theorie wird durch zahlreiche Studien gestützt: Zwillinge, die zusammen aufwachsen, unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit, ihren Vorlieben und Abneigungen stärker als Zwillinge, die nach der Geburt getrennt wurden und daher nicht unter dem Druck standen, sich abzugrenzen. Mädchen mit einer älteren Schwester haben öfter Interessen, die als wenig weiblich gelten, wie Technik oder Fußballspielen; Geschwister mit wenig Altersdifferenz unterscheiden sich in ihrer Persönlichkeit stärker als solche, die mit großem Abstand voneinander geboren wurden. Eltern sollten solche Unterschiede fördern und versuchen, jedem Kind zu seiner konkurrenzfreien Nische zu verhelfen. "Etikettierungen wie 'der Große' und 'der Kleine' sind allerdings verderblich und können einen Menschen sein Leben lang verfolgen", sagt Kasten. Wenn dagegen jedes Kind seine Nische gefunden hat, kann beispielsweise der kleine musikalische Bruder in seiner Sparte glänzen und muss nicht ständig auf dem Fußballplatz mit dem sportlichen Erstgeborenen konkurrieren.

Streit wird es trotzdem immer geben. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky hat es so formuliert: "Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides."