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Geschlechterrollen:Gene oder Gesellschaft?

SZ: Kriege entstehen meist zwischen Populationen mit einem hohen Anteil junger Männer. Wäre vor diesem Hintergrund ein erzieherischer Wandel nicht wünschenswert?

Nein, es gibt andere Möglichkeiten. Wir sind ja familiale Wesen, und aus der Brutverteidigung ist die größere Gruppenverteidigung erst entstanden - gewissermaßen als "prosoziale Aggression". Die richtete sich gegen andere, weil man sich mit denen nicht identifiziert hat. Heute leben wir in größeren Gesellschaften. Müssen wir die Familie also auflösen, weil darin so viel sozialer Nepotismus, so viel Präferenz für die Verwandtschaft gezüchtet wird?

Nein. Wir müssen auch nicht die Nationen zerstören, wenn wir uns mit größeren Gemeinschaften durch Verfassungspatriotismus identifizieren wollen. Wer das fordert, ruft Nationalismen doch erst hervor. Wir sollten begreifen, dass sich Kulturen unterscheiden, und nicht dauernd Unterschiede abschaffen wollen. Ich kann gleichzeitig Wiener sein, Österreicher, Europäer und auch Deutscher. Nur so können wir uns an Gemeinsamkeiten erfreuen. Das gilt auch für das Verhältnis zwischen den Geschlechtern.

SZ: Allerdings bestätigt eine brandneue Untersuchung, dass die Lebenszufriedenheit von Frauen wächst, wenn Chancen-Unterschiede zu den Männern abgeschafft sind.

Ich bin da skeptisch, was die verschiedenen Kulturen angeht. Bei uns kann ich mir das durchaus vorstellen, da die Frauen oft nicht mehr in Familien eingebunden und mit Kindern und Beruf oft doppelt belastet sind. Wenn man aber bei Naturvölkern nachschaut, etwa bei den Yanomami im venezolanisch- brasilianischen Grenzgebiet, stellt man fest, dass die mit den Kindern gar nicht so belastet sind. Sie stillen zwar drei Jahre lang, aber in den Gemeinschaften gibt es Kindergruppen und abends nimmt der Mann seine Kinder zu sich in die Hängematte.

SZ: Heißt das, auch bei uns könnten sich Frauen und Männer die Erziehungs- und die Erwerbsarbeit teilen?

Nein, Männer verlieren zu schnell das Interesse, wenn sie mit Kindern spielen. Frauen haben viele Millionen Faserverbindungen mehr zwischen den Hemisphären des Gehirns und damit auch zwischen Regionen, die emotionale und rationale Aufgaben wahrnehmen. Bei Männern wird das eher getrennt abgerufen, mal ganz rational und gefühlsmäßig kaum ansprechbar, mal völlig emotional, da versagt dann der Verstand.

Pflegende, soziale Aufgaben erledigen Frauen daher wesentlich besser. Man müsste bei uns nur mehr Anerkennung schaffen für diese Aufgaben. Und man müsste auch die Lehrpläne an den Universitäten ändern, denn sie laufen der Biologie zuwider: Die wichtigen ersten Gebärjahre Anfang 20 verstreichen, und Frauen haben kaum Berufseinstiegsmöglichkeiten nach so frühen Erziehungsjahren.

SZ: Das hieße "zurück zur Natur" für ganze Gesellschaften. Ist die Natur so stark? Sagt man nicht, der Einfluss von Natur und sozialer Umwelt auf den Menschen sei etwa gleich?

So lässt sich das nicht aufrechnen. Zu viel ist uns angeboren. Denken Sie allein an die Emotionen. Ohne Liebe und gerechten Zorn könnten wir gar nicht leben. Man kann Menschen zwar beibringen, wen sie lieben sollen und wovor sie keine Angst haben müssen. Aber die Angst an sich, die Liebe, die Wut lassen sich nicht unterrichten. Und Gleiches gilt für die unterschiedlichen Prozesse in Männer- und Frauengehirnen: Frauen bedenken auch rationale Inhalte nicht ohne deren emotionale Bedeutung, Männer fokussieren stärker: Dies ist Gefühl, jenes ist Sache. Die Erlebniswelten sind von Natur aus verschieden.

SZ: Aber wenn man eines Tages die Hirnprozesse genau kennt, könnte man einem Mann auch die weibliche Gefühlswelt beibringen.

Warum wollen Sie den Mann denn zerstören? Was soll das? Die, die das nicht machen, würden uns mit Vergnügen besiegen und unterdrücken. Denken Sie nur an Olympische Spiele, in denen Männer weltweit im Wettkampf verbunden sind. Ein Wettkampf zwischen Männern und Frauen - das wäre einfach nur unfair. Lassen Sie uns lieber unsere Unterschiede pflegen, statt sie zu zerstören.