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Geschichte - Dresden:Holocaust-Gedenken: Sorge über wachsenden Antisemitismus

Deutschland
Michael Kretschmer (CDU) steht in der KZ-Gedenkstätte Sachsenburg in einer Arrestzelle. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa (Foto: dpa)

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Frankenberg/Dresden (dpa/sn) - In Sachsen wächst die Sorge um zunehmenden Antisemitismus in der Bevölkerung. Vertreter verschiedener Parteien erinnerten am Mittwoch aus Anlass des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus an die Verantwortung der Menschen, solche Gräuel nie wieder zuzulassen und Antisemitismus, Rechtsextremismus und Rassismus entgegenzutreten.

Landtagspräsident Matthias Rößler warnte in einer Gedenkstunde im Landtag davor, dass Judenhass durch Verschwörungstheorien wieder salonfähig wird. "Akzeptieren wir als Gesellschaft nicht, dass Verschwörungsideologen aller Couleur ihren Judenhass wieder unters Volk bringen". "Wir dürfen nicht naiv sein. Jüdisches Leben in Deutschland ist wieder in Gefahr", mahnte Rößler mit Blick auf antijüdische Angriffe und Hetze in jüngerer Zeit. "Antisemitismus, Judenhass, sie sind unter uns und eine Schande für unser Land."

Wegen der Corona-Pandemie waren anders als in den Vorjahren keine Bürger und Schüler bei der Gedenkfeier im Landtag zu Gast, sie wurde aber live im Internet übertragen. Als Zeitzeugnis spielten Musiker das "Quartett auf das Ende der Zeit" des französischen Komponisten Olivier Messiaen. Er hatte es während seiner Kriegsgefangenschaft in einem Lager in Görlitz vollendet; dort wurde es im Januar 1941 vor rund 400 Kriegsgefangenen und Angehörigen des Wachpersonals in einer Baracke uraufgeführt.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) rief die Sachsen auf, "im Privaten und im Dienstlichen" klar Stellung gegen Rassismus und Antisemitismus zu beziehen. "Antisemitismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen", sagte er bei einer Kranzniederlegung an der KZ-Gedenkstätte Sachsenburg. Deutschland sei heute in der Welt überall geschätzt, weil es eine klare Haltung zur NS-Geschichte habe.

Linksfraktionschef Rico Gebhardt forderte die Landesregierung auf, Besuche von Schülern in KZ-Gedenkstätten sicherzustellen. Antifaschismus sei Verpflichtung aller: "Wer denkt, es kann sich nicht wiederholen, der irrt", zitierte er den aus Chemnitz stammenden Auschwitz-Überlebenden Justin Sonder, der im vergangenen Jahr starb.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Marko Schiemann erinnerte an Worte der früheren Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch. Sie habe in einer Rede in Bautzen Jugendlichen zugerufen: "Ihr seid nicht verantwortlich für das was geschehen ist - aber ihr seid verantwortlich, dass sich so etwas niemals wiederholt."

"Der Terror der Nazis fand nicht nur in Auschwitz statt. Er tobte vor den Haustüren sogenannter ehrenwerter Bürger. Viele schauten zu oder schauten weg", betonte Frank Richter, Mitglied der SPD-Fraktion im Landtag. Ignorante, gleichgültige und sympathisierende Bürger hätten sich mitschuldig gemacht. Auch heute könne sich keiner rausreden. Wer Rechtsextremismus, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus nicht widerspreche, sei mitverantwortlich, wenn sich das erneut ausbreite.

Es sei wichtig, die bestialischen Verbrechen der Nazi-Zeit klar zu benennen und regelmäßig an die Opfer dieser Schreckensherrschaft zu erinnern", sagte Jan Zwerg, Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion. Die Judenverfolgung im Dritten Reich und der Holocaust gehörten zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte.

Am Holocaust-Gedenktag wird alljährlich an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Das Lager steht symbolhaft für den NS-Völkermord an Millionen Menschen.

© dpa-infocom, dpa:210126-99-180941/5

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