Süddeutsche Zeitung

Geschichte der Menschheit:Erste Worte vor 500.000 Jahren

Lesezeit: 4 min

Hat erst der moderne Mensch die Sprache entwickelt? Fossilienfunde, anatomische und genetische Indizien deuten darauf hin, dass bereits die Vorfahren von Mensch und Neandertaler vor 500.000 Jahren sprechen konnten.

Vor Hubert Filser

Es ist schwer, die ersten Worte zu finden. Wer nach dem Ursprung der Sprache sucht, kann sich - anders etwa als bei frühen Werkzeugen - nicht auf prähistorische Funde verlassen. Viele Forscher vermuten, Sprache sei eher eine relativ junge Kommunikationsform, die der moderne Mensch vor rund 50.000 bis 100.000 Jahren entwickelt hat, möglicherweise ausgelöst durch eine einzelne genetische Mutation, die zur Sprechfähigkeit geführt hat.

Nun behaupten Forscher des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik im holländischen Nimwegen, unsere Sprachfähigkeit müsse weitaus früher entstanden sein. Demnach konnten schon die gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Neandertaler vor rund 500.000 Jahren sprechen, sagen Dan Dediu und Stephen Levinson ( Frontiers in Language Sciences, online).

Darauf würden die meisten von ihnen ausgewerteten Studien hindeuten. Möglicherweise enthalten sogar moderne Sprachen noch Elemente der Ur-Sprachen, meinen die Forscher. Die beiden Linguisten glauben sogar, dass diese die heutige Sprachenvielfalt erst möglich gemacht haben. Damit liefern Dediu und Levinson einen neuen Beitrag zu einer lange und intensiv geführten Debatte über den Ursprung der menschlichen Sprache. Die Forscher stützen sich nach eigenen Angaben auf alle verfügbaren archäologischen, anatomischen und genetischen Indizien, die verraten könnten, wann unsere Vorfahren zu sprechen begannen.

Mittlerweile wisse man, schreiben die Wissenschaftler, dass verschiedene Menschenformen, also Neandertaler, moderner Mensch und etwa die jüngst entdeckten Denisova-Menschen, die noch vor rund 40.000 Jahren in Mittelasien lebten, nicht nur miteinander in Kontakt standen, sondern sich auch paarten. Wobei es regionale Unterschiede gibt.

Die Neandertaler haben mehr genetische Gemeinsamkeiten mit den Menschen außerhalb Afrikas als mit den Afrikanern. Auch das Erbgut von Europäern und Asiaten unterscheidet sich deutlich. Generell belegen die Analysen, dass sich Mensch und Neandertaler genetisch stark ähneln. Daraus folgern die Forscher, dass beide ähnliche geistige und kulturelle Fähigkeiten besaßen.

Auch Fossilienfunde stärken diese Überlegungen. Neandertaler, die vor rund 40.000 Jahren im Westen des heutigen Frankreichs lebten, haben sich von modernen Menschen beim Fertigen komplexer Werkzeuge sowie Körperschmuck beeinflussen lassen. Sie waren somit in der Lage, kulturelle Anregungen aufzunehmen. Warum also sollten sie nicht auch schon gesprochen haben? "Neandertaler, Denisova-Menschen und heute lebende moderne Menschen teilten eine ähnliche Fähigkeit für Sprache und Kultur", schreiben Dediu und Levinson.

Sprachforscher wie Noam Chomsky oder Philip Lieberman sind hier anderer Meinung. Sie vermuten, dass Neandertaler prinzipiell nicht zum Sprechen fähig waren und verweisen auf anatomische Besonderheiten insbesondere im Kehlkopfbereich und im Hörsystem. Auch gebe es genetische Unterschiede, etwa in dem für die Sprache wichtigen Gen FOXP2. Zudem deute die Qualität der kulturellen Produkte, von Werkzeugen oder Schmuck, auf deutlich geringere Fähigkeiten der Neandertaler hin. Der Mensch, so Chomsky, habe frühestens vor 100.000 Jahren gelernt zu sprechen, nur bei ihm habe es irgendwann und plötzlich "eine Neuverdrahtung im Gehirn" gegeben.

Doch Dediu und Levinson widersprechen. Die Studienlage zeige, dass die Menschen über einen graduellen Prozess zur Sprache kamen. Über eine "Ansammlung kleiner Veränderungen", sowohl genetischer wie kultureller, habe sich die Sprache langsam über einen sehr langen Zeitraum entwickelt. In nur 100.000 Jahren hätten sich gar nicht die 7000 Sprachen entwickeln können, die heute auf der Welt gesprochen werden.

Dediu und Levinson vermuten, die heutige Sprachenvielfalt könnte zum Teil sogar auf Begegnungen mit anderen Menschenarten zurückgehen, deren Wortschatz und Sprachgebrauch sich entsprechend ausgewirkt habe. Die Sprache müsste demnach auch früher entstanden sein.

Die Linguisten aus Nimwegen versuchen zudem mit Hilfe von anatomischen Analysen, den Zeitpunkt genauer einzugrenzen, an dem die moderne menschliche Sprache entstanden sein könnte. Anatomisch betrachtet hatte bereits der Homo heidelbergensis, der mutmaßliche Vorfahr des modernen Menschen und des Neandertalers, vor rund 500.000 Jahren die Voraussetzungen, Töne wahrzunehmen und mit Hilfe des Kehlkopfs und des Zungenbeins Laute zu bilden. Auch genetische Veränderungen, die sich auf die für das Sprechen notwendige feinmotorische Kontrolle auswirken, seien in dieser Zeit passiert. "Interessanterweise finden sich all diese Veränderungen beim Übergang vom Homo erectus zum Homo heidelbergensis", schreiben die Linguisten. Es habe sich also bereits bei ihm um ein "artikulationsfähiges Säugetier" gehandelt.

Noch weiter zurück geht der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello vom Max-Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Er sagt, Sprache habe sich langsam entwickelt und zwar parallel mit einer besonderen Art von sozialem Bewusstsein. Menschen wollten Erkenntnisse miteinander teilen. Das sei schon bei kleinen Kindern zu beobachten, wenn sie auf Sachen zeigen, die sie gerade entdeckt haben. Dieses Verhalten sei universell. Tomasello zählt auch Gesten und bestimmte Körperbewegungen, die üblicherweise unsere Gespräche begleiten, zur Sprache. Gesten seien, so Tomasello, für die Entwicklung von Sprache notwendig.

Kommunikation mit den Händen als Vorstufe

Nicht ohne Grund würden Menschen auch heute spontan auf ihre Hände zurückgreifen, wenn die sprachliche Kommunikation nicht funktioniert - im Lärm des Fußballstadions, unter Wasser beim Schnorcheln oder in der Fremde. Diese Art der Kommunikation sei eine Vorstufe für die Bildung grammatikalischer Regeln. Möglicherweise haben wir damit aber schon den gedanklichen Austausch untereinander eingeübt.

Interessant ist zudem, dass heute alle Menschen der Welt die biologischen Voraussetzungen besitzen, im Prinzip jede Sprache zu lernen. Auch das deutet darauf hin, dass die Fähigkeit sehr früh in der Menschheitsgeschichte angelegt worden ist.

Und noch ein letztes, sehr altes Indiz findet sich: Forscher haben in den fossilen Wirbelkörpern von 1,8 Millionen Jahren alten Frühmenschen dicke Kanäle für Nerven entdeckt, welche die Atmung kontrollieren. Diese Kontrolle ist notwendig, um Tonhöhen und die Lautstärke zu regulieren, letztlich: um sprechen zu können. Affen hingegen können die Atmung nicht kontrollieren und beherrschen auch deshalb nur eine sehr kleine Bandbreite an Lauten.

Zusammengefasst sprechen also viele Indizien dafür, dass die Menschen vielleicht bereits vor 1,5 bis zwei Millionen Jahren zu sprechen lernten, in einer sehr frühen Phase der Menschheitsgeschichte, als das Gehirn langsam zu wachsen begann. Die amerikanische Anthropologin Dean Falk kommentiert dies so: "Wenn die Hominiden nicht Sprache nutzten und verfeinerten, würde ich gern wissen, was sie mit ihren ständig wachsenden Gehirnen taten."

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SZ vom 12.07.2013
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