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Geothermie:Beben in Basel

Mit einem Erdwärmeprojekts soll in der Schweiz kaltes in heißes Wasser verwandelt werden. Doch die Tiefenbohrungen bringen den Boden immer wieder zum Wackeln.

In Basel dachten sie, die Zeit wäre reif für solch ein Projekt, und das war sie wohl auch. Aber irgendwie haben sie sich doch einen sehr ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht. Und vielleicht auch den falschen Ort.

Im vergangenen Jahr erinnerten sich Basel und seine Bürger anlässlich des 650. Jahrestages eines Erdbebens, das die Stadt damals furchtbar zerstörte. Es war das schwerste Beben in Mitteleuropa seit Beginn der Geschichtsschreibung.

Und als sich gegen Ende dieses Gedenkjahrs die Erde wieder bewegte, trieb manchen Bürger die Angst um, die Geschichte könnte sich wiederholen. Auf den Leserbriefseiten der Basler Zeitung herrschte Panik.

Die Politik im Kanton, der dieses Jahr Wahlen bevorstehen, beschloss, das Projekt nun erst einmal zu stoppen. Es wird Gutachten geben.

Diese Gutachten sollen klären, ob man in Basel mit einem so genannten Geothermieprojekt für die Bevölkerung gefahrlos kaltes Wasser Tausende Meter tief in die Erde pumpen kann, um es an anderer Stelle in heißem Zustand wieder herauszuholen. Oder ob die Erdbeben, die dadurch ausgelöst wurden, größeren Schaden auslösen können.

Für Nicolas Deichmann vom Schweizerischen Erdbebendienst geht es letztlich darum, welche Risiken der Mensch in Kauf nehmen will, um seinen Energiebedarf zu decken. Letztlich sei es eher eine gesellschaftspolitische Frage als eine wissenschaftliche.

Günstige Voraussetzungen in der Region Basel

Die Region Basel kann als generell offen für regenerative Energien gelten, im Kanton dürfen keine Atomkraftwerke gebaut werden. Die natürlichen Voraussetzungen für die Gewinnung von Energie aus Erdwärme sind günstig: Basel liegt im Bereich einer geologischen Anomalie, die Erdkruste ist hier heißer als anderswo: 200 Grad in 500 Metern Tiefe.

Acht Energieunternehmen schlossen sich zur Geopower AG zusammen, die bis heute 120 Millionen Franken Kapital sammelte und auf einem ehemaligen Parkplatz in einem Vorort von Basel einen 85 Meter hohen Bohrturm aufstellte. In einer ersten Explorationsphase sollten zwei 5000 Meter tiefe Löcher gebohrt werden.

Durch das erste, das am 20. Oktober 2006 die Tiefe von 5009 Meter erreichte, wurden 3500 Liter Wasser pro Minute eingeleitet. Der Wasserdruck sollte tief im Boden den harten Granit zerklüften, damit das Wasser durch das heiße Gestein zirkulieren und an anderer Stelle wieder abgepumpt werden kann.

5000 Basler Haushalte sollen auf diese Weise einmal mit warmem Wasser und Strom versorgt werden. Von Gefahren war im Vorfeld nur wenig die Rede.

Weltweit gibt es viele hundert Geothermie-Projekte, die meist recht gut funktionieren. Nur bohren sie in der Regel Heißwasservorkommen in geringer Tiefe an.

So tief wie in Basel sei man nur an fünf Orten der Welt gegangen, sagt Daniel Moll, Geschäftsführer von Geopower. Und nie in einem so dicht bevölkerten Gebiet, das bereits ein katastrophales Erdbeben erlebt hatte.

Um das Bohrloch in Basel wurden sechs Mikrofone in den Boden eingelassen, der Schweizer Erdbebendienst registrierte bis heute etwa 12.000 Zerklüftungen des Granits - Mini-Beben, die an der Oberfläche nicht zu spüren sind. Am 8. Dezember 2006 waren 12.000 Kubikmeter Wasser in den Boden eingeleitet worden, als die Erde bebte und es einen lauten Knall gab, wie bei einer Explosion.

Mehr als 1000 Schadensmeldungen

Es war das erste stärkere Beben, dem bis zum 2. Februar drei weitere folgten, mit Stärken bis zu 3,4 auf der Richterskala. Sie waren bis nach Südbaden zu spüren. Die Einleitung des Wassers wurde nach dem ersten Beben gestoppt.

Mittlerweile wurde das ganze Projekt vorerst eingestellt und der Bohrturm abgebaut. Mehr als 1000 Schadensmeldungen aus der Schweiz und Deutschland hat die Firma Geopower bisher erhalten. In den meisten Fällen handele es sich um Risse in Hauswänden, die aber eher auf eine schlechte Bausubstanz als auf das Erdbeben zurückzuführen seien, sagt der Geschäftsführer von Geopower.

In einem Fall wurde der Totalverlust von Straußeneiern gemeldet, die bei dem Beben von einem Tisch gefallen sein sollen. "Objektiv und nüchtern betrachtet war das nichts Besonderes", sagt Moll.

Für viele Bürger in Basel war es das aber doch. Unstrittig ist, dass die Beben durch das Einleiten des Wassers ausgelöst wurden. Nach Angaben von Nicolas Deichmann vom Schweizer Erdbebendienst gibt es unabhängig von Erdwärme-Bohrungen etwa acht Beben pro Jahr in der Schweiz, die von der Stärke her mit denen in Basel vergleichbar sind.

"Die werden meist mit einem Achselzucken hingenommen. In Basel gesellt sich zur Überraschung aber die Empörung, weil die Beben vom Menschen ausgelöst wurden", sagt Nicolas Deichmann. Nicht von der Natur, gegen die man eben nichts machen kann.

Alles also nur ein psychologisches Problem? Die Entscheidung, ob das Projekt fortgeführt werden kann, sei eine der Politik und der Bevölkerung, nicht der Experten, sagt Deichmann. Die Wissenschaft werde nur die Grundlage für diese Entscheidung liefern können.

Absolute Sicherheit können Seismologen nicht versprechen. Das können sie nie. Die Gutachten werden versuchen, eine gewisse Wahrscheinlichkeit zu errechnen und sie mit den Gefahren bei anderen Formen der Energiegewinnung gegenüberzustellen. Mit den Gefahren der Atomkraft beispielsweise, über deren Ausbau in der Schweiz gerade diskutiert wird.

Wahrscheinlich bis Ende des Jahres sollen die Gutachten vorliegen. Dann kann der Mensch entscheiden, welches Risiko ihm lieber ist.

© SZ vom 12.2.2007
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