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Seebeben:Auf Sizilien würde eine Flutwelle Flächen überschwemmen

Was Tsunamis von normalen, vom Wind angetriebenen Meereswellen unterscheidet, ist die Wellenlänge - also der Abstand von Wellenkamm zu Wellenkamm. "Normale Wellen besitzen in der Regel eine Wellenlänge von einem oder mehreren Dutzend Metern", erklärt der Wissenschaftler, "Tsunamis dagegen eine Wellenlänge von Hunderten Metern oder sogar einigen Kilometern." Auf dem offenen, tiefen Meer ist von einer solchen gigantischen Welle meistens nicht viel zu sehen. Schiffe fahren darüber hinweg. Gefährlich wird so ein Monstrum erst vor den Küsten, wo der Meeresboden zum Land hin ansteigt. Dort wird die Wassermasse gebremst und gestaucht, sodass der Wellenberg an Höhe gewinnt. Ist der Tsunami im offenen Meer mit etwa 250 bis 300 Stundenkilometern noch so schnell wie ein Hochgeschwindigkeitszug, schiebt er sich nur noch mit etwa 30 bis 40 Stundenkilometer auf das Land hinauf - je nach Wassermasse, die vom Meer her nachdrückt, Hunderte Meter oder gar Kilometer weit.

Samaras und seine Kollegen haben die Topografie des Meeresbodens vor den Küsten Südostsiziliens und Südkretas und auch die Topografie an Land in ihre Simulationen mit eingebaut. Das Resultat: Sollte es zu einem Erdbeben der Stärke sieben vor der Küste von Kreta kommen, das einen Tsunami auslöst, würde im Golf von Messara eine Landfläche von 3,5 Quadratkilometern bis in fünf Meter Höhe komplett überschwemmt. Nach 40 bis 45 Minuten würde der Tsunami - nur noch etwa 20 Zentimeter hoch - auch die 300 Kilometer entfernte libysche Küste erreichen.

Wichtig zur Entwicklung von Katastrophenplänen

Käme es zu einem Seebeben gleicher Stärke im Südosten Siziliens, würde sich die Flutwelle überraschenderweise vor allem nach Osten in Richtung Griechenland ausbreiten und nach nur einer Stunde und 40 Minuten am Westufer der Peloponnes anbranden.

Was bringen solche Simulationen, die nur für kleine Abschnitte der insgesamt viele Tausend Kilometer langen Küste des Mittelmeeres gelten? "Solche Szenarien sind sehr wichtig", sagt Joern Lauterjung vom Geoforschungszentrum Potsdam, "sowohl für die Frühwarnung im Fall einer Katastrophe als auch für das vorbeugende Katastrophen-Management, um etwa Risikokarten oder Notfallpläne für Evakuierungen zu erstellen."

Der Wissenschaftler war Projektleiter beim Aufbau des Frühwarnsystems, das nach der Tsunami-Katastrophe an Weihnachten 2004 mit 250 000 Todesopfern im Indischen Ozean eingerichtet wurde. Dort existieren mittlerweile mehrere Tausend solcher Modellrechnungen mit verschiedensten Tsunami-Varianten, die in Datenbanken verwaltet bei Bedarf herangezogen werden.

Auch die Frühwarnsysteme im Mittelmeer, die von verschiedenen Anrainerstaaten betrieben und über die Unesco koordiniert werden, könnten von solchen vorausberechneten Szenarios profitieren, ebenso wie Behörden in den einzelnen Ländern, die für Sicherheit zuständig sind.

© SZ vom 28.08.2015
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