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Seebeben:Tsunamis im Mittelmeer

Alarm nach Ausbruch des Stromboli-Vulkans

Zeugnis seismischer Aktivität im Mittelmeer: der Vulkan auf Stromboli.

(Foto: dpa)
  • Etwa zehn Prozent aller Tsunamis ereignen sich im Mittelmeer.
  • Die Flutwellen könnten auf Sizilien oder Kreta große Schäden anrichten, haben Wissenschaftler berechnet.
  • Forscher versuchen die Seebeben zu simulieren, um für Katastrophen gewappnet zu sein.

Von Angelika Jung-Hüttl

Mit 300 Kilometer pro Stunde raste die Flutwelle in Richtung Norden auf das Archipel zu. Als sie auf die Küste traf, türmten sich zwei Meter hohe Brecher auf. Sie zerstörten 200 Boote und mehrere Fischerhütten.

Wer eine solche Nachricht hört, denkt unweigerlich an weit entfernte Gestade, an den Indischen Ozean vielleicht, oder den Südpazifik. Doch das beschriebene Ereignis trat am 21. Mai 2003 ganz woanders auf: Vor Nordafrika bebte der Meeresgrund mit einer Stärke von 6,8, löste einen kleinen Tsunami aus, der die Baleareninseln Mallorca und Ibiza traf.

Flutwellen wie diese und noch größere sind im Mittelmeer zwar selten. Aber sie sind möglich. Etwa zehn Prozent aller Tsunamis weltweit ereignen sich zwischen Gibraltar und Haifa. Ein Drittel der mediterranen Tsunamis werden von Hangrutschungen am Meeresgrund verursacht, der Rest von Seebeben. Unaufhaltsam schiebt sich die Afrikanische Erdplatte mit einer Geschwindigkeit von sechs Millimetern pro Jahr nach Norden unter die Eurasische Platte. Wenn der Meeresboden unter diesen gewaltigen Kräften erzittert, bricht und sich ruckartig verschiebt, setzt er ein Hunderte oder sogar Tausende Meter dickes Wasserpaket über sich in Bewegung. Flutwellen bauen sich auf und rasen auf die Küsten des Mittelmeers zu, dorthin, wo rund 130 Millionen Menschen leben.

Die Form des Meeresgrunds wurde bislang zu wenig beachtet

Am stärksten von solchen Wellenmonstern gefährdet ist das mittlere und das östliche Mittelmeer - vor allem die Küsten Süditaliens, Griechenlands und der Türkei. Dort liegen auch die Gebiete, die sich Achilleas Samaras von der Universität im italienischen Bologna und seine Kollegen für Tsunami-Simulationen ausgesucht haben (Ocean Science, Bd. 11, S. 1-13, 2015). Eines liegt an der Südostküste Siziliens, das andere an der Südküste Kretas. Ihre Fragestellung: Was bewirkt eine Flutwelle, die von einem Seebeben der Stärke sieben vor der Küste ausgelöst wird?

Beben dieses Kalibers können Tsunamis auslösen, die nicht nur an sizilianischen oder kretischen Ufern große Schäden anrichten, sondern auch an viel weiter entfernten Küsten des Mittelmeerbeckens. Dafür gibt es ein historisches Beispiel: Die Flutwelle, die von dem schweren Seebeben vor Kreta im Jahr 365 vor Christus ausgelöst wurde, hat nicht nur auf der Insel selbst großen Schaden angerichtet, sondern auch im weit entfernten Italien und in Ägypten antike Küstenstädte zerstört. Allein in Alexandria starben 5000 Menschen.

Entscheidend für die Zerstörungskraft von Tsunamis ist nicht nur Ort und Stärke des auslösenden Seebebens, sondern insbesondere auch der Meeresgrund mit all seinen Unebenheiten, den die Wogen überrollen. "Wir wollen herausfinden, wie sich die Flutwellen vor allem im flachen Wasser vor den Küsten verändern, wie sie sich fortbewegen und schließlich das Land überschwemmen", erklärt Samaras. Das wurden in den Modellierungen, die es von Tsunamis bisher gibt, kaum berücksichtigt.

Auf Sizilien würde eine Flutwelle Flächen überschwemmen

Was Tsunamis von normalen, vom Wind angetriebenen Meereswellen unterscheidet, ist die Wellenlänge - also der Abstand von Wellenkamm zu Wellenkamm. "Normale Wellen besitzen in der Regel eine Wellenlänge von einem oder mehreren Dutzend Metern", erklärt der Wissenschaftler, "Tsunamis dagegen eine Wellenlänge von Hunderten Metern oder sogar einigen Kilometern." Auf dem offenen, tiefen Meer ist von einer solchen gigantischen Welle meistens nicht viel zu sehen. Schiffe fahren darüber hinweg. Gefährlich wird so ein Monstrum erst vor den Küsten, wo der Meeresboden zum Land hin ansteigt. Dort wird die Wassermasse gebremst und gestaucht, sodass der Wellenberg an Höhe gewinnt. Ist der Tsunami im offenen Meer mit etwa 250 bis 300 Stundenkilometern noch so schnell wie ein Hochgeschwindigkeitszug, schiebt er sich nur noch mit etwa 30 bis 40 Stundenkilometer auf das Land hinauf - je nach Wassermasse, die vom Meer her nachdrückt, Hunderte Meter oder gar Kilometer weit.

Samaras und seine Kollegen haben die Topografie des Meeresbodens vor den Küsten Südostsiziliens und Südkretas und auch die Topografie an Land in ihre Simulationen mit eingebaut. Das Resultat: Sollte es zu einem Erdbeben der Stärke sieben vor der Küste von Kreta kommen, das einen Tsunami auslöst, würde im Golf von Messara eine Landfläche von 3,5 Quadratkilometern bis in fünf Meter Höhe komplett überschwemmt. Nach 40 bis 45 Minuten würde der Tsunami - nur noch etwa 20 Zentimeter hoch - auch die 300 Kilometer entfernte libysche Küste erreichen.

Wichtig zur Entwicklung von Katastrophenplänen

Käme es zu einem Seebeben gleicher Stärke im Südosten Siziliens, würde sich die Flutwelle überraschenderweise vor allem nach Osten in Richtung Griechenland ausbreiten und nach nur einer Stunde und 40 Minuten am Westufer der Peloponnes anbranden.

Was bringen solche Simulationen, die nur für kleine Abschnitte der insgesamt viele Tausend Kilometer langen Küste des Mittelmeeres gelten? "Solche Szenarien sind sehr wichtig", sagt Joern Lauterjung vom Geoforschungszentrum Potsdam, "sowohl für die Frühwarnung im Fall einer Katastrophe als auch für das vorbeugende Katastrophen-Management, um etwa Risikokarten oder Notfallpläne für Evakuierungen zu erstellen."

Der Wissenschaftler war Projektleiter beim Aufbau des Frühwarnsystems, das nach der Tsunami-Katastrophe an Weihnachten 2004 mit 250 000 Todesopfern im Indischen Ozean eingerichtet wurde. Dort existieren mittlerweile mehrere Tausend solcher Modellrechnungen mit verschiedensten Tsunami-Varianten, die in Datenbanken verwaltet bei Bedarf herangezogen werden.

Auch die Frühwarnsysteme im Mittelmeer, die von verschiedenen Anrainerstaaten betrieben und über die Unesco koordiniert werden, könnten von solchen vorausberechneten Szenarios profitieren, ebenso wie Behörden in den einzelnen Ländern, die für Sicherheit zuständig sind.

© SZ vom 28.08.2015
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