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Geoengineering:Die Ingenieure der Welt

Weil die Politik versagt, wollen einige Forscher die Erde mit technischen Eingriffen ins Klimasystem vor dem Wärmekollaps retten. Doch diese Ideen sind umstritten.

Das Rezept ist einfach - einfach zu verlockend: Man nehme ein paar Eimer Schwefelbrühe, steige in ein Flugzeug und versprühe das Zeug in der Atmosphäre. Dort bilden sich schwebende Schwefelteilchen, die das Sonnenlicht reflektieren und den Temperaturanstieg stoppen. Durch diese Aerosole wäre die Menschheit schnell ihre Klimasorgen los.

Algenblüte an der Nordsee

Algen sind perfekte Klimagaskiller: Sie nehmen Kohlendioxid auf, bauen es in ihren Körper ein und sinken am Ende ihres Lebens mitsamt der klimaschädlichen Fracht auf den Grund des Ozeans. Gezielte Düngung mit Eisen soll die Algen zur Blüte bringen.

(Foto: ag.dpa)

Und das Rezept ist nicht einmal neu: Viele Vulkanausbrüche kühlen wegen des ausgestoßenen Schwefels das Klima. Warum also soll man dieses Rezept nicht aufgreifen? Seit Jahrzehnten diskutieren Wissenschaftler diese und andere Methoden des so genannten Geoengineering. Wie Ingenieure wollen sie in das komplexe System Erde eingreifen und den Planeten - vor allem dessen Klima - nach ihren Wünschen formen.

Meist fanden ihre Diskussionen im Verborgenen statt, zu groß war die Furcht, als Anhänger eines unverbesserlichen Technikwahns da zu stehen, als verrückter Wissenschaftler, der sich über die Natur und ihre Gesetze erhebt. Das hat sich zuletzt grundlegend geändert.

Seit dem Scheitern des Klimagipfels von Kopenhagen ist vielen Wissenschaftlern klar: Auf die Politik und einen gesellschaftlichen Konsens zur Vermeidung von Klimagasen können sie sich nicht verlassen. "Die einzige Möglichkeit, den Planeten in diesem Jahrhundert abzukühlen", sagt Ken Caldeira, Atmosphärenforscher an der Carnegie Institution der Stanford University, "liegt im direkten Eingriff in das Klimasystem."

Caldeiras Stimme hat Gewicht, in den 1980er Jahren war er einer der führenden Köpfe der amerikanischen Umweltbewegung. Er gehört einer merkwürdigen Koalition an. Einerseits hat die britische Royal Society im vergangenen Herbst 100 Millionen Pfund für die Erforschung des lange Zeit Undenkbaren gefordert; die amerikanische Akademie der Wissenschaften will noch in diesem Sommer einen Bericht zu den Chancen des Geoengineering herausgeben. Auch John Holdren, wissenschaftlicher Berater von US-Präsident Barack Obama, hält die Techniken für eine "durchaus bedenkenswerte Option".

Unkalkulierbare Risiken

Andererseits erforscht auch das American Enterprise Institute die Eingriffe ins Klimasystem. "Kopenhagen, Kyoto & Co. haben uns kaum mehr als eine Reihe gebrochener Versprechen gebracht", sagt Samuel Thernstrom von dem konservativen Thinktank in Washington. Dieser wehrt sich seit langem gegen den Umbau der Wirtschaft, um Energie klimaschonend zu erzeugen; und in dessen Publikationen äußern Thernstroms Kollegen Zweifel daran, ob der Mensch für die Erwärmung verantwortlich sei. Thernstrom hingegen rüttelt zumindest nicht am Konsens, dass Treibhausgase aus Fabriken und Autos den Klimawandel vorantreiben. "Kohlendioxid bleibt für viele Jahrzehnte in der Atmosphäre", sagt er. "Seine Auswirkungen sind nicht wegzubekommen, wenn wir nicht aktiv etwas dagegen unternehmen."

Dabei sind sich viele der Forscher, die über das Herumdoktern an irdischen Abläufen diskutieren, der unkalkulierbaren Risiken bewusst. "Niemand behauptet, dass der Eingriff ins Klimasystem perfekt oder auch nur erstrebenswert ist", sagt Caldeira. "Aber in schlimmen Zeiten muss man auch schlimme Dinge tun." Und die Zeiten sind - in Caldeiras Augen und denen seiner Mitstreiter - alles andere als gut. Selbst die optimistischeren unter den Projektionen des Weltklimarates IPCC zeigen, dass die Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts weiter klettern werden. Um den Anstieg wie politisch angestrebt auf zwei Grad zu begrenzen, wären deutliche Einschränkungen im Lebensstil nötig. Geoengineering könnte das den reichen Nationen ersparen - allen politischen, ethischen und sozialen Bedenken zum Trotz (siehe Artikel unten).

Zwei unterschiedliche Ansätze verfolgen die Weltenveränderer dabei. Der erste beschränkt sich darauf, die Menge an Sonnenstrahlung, die die Erde erreicht, zu reduzieren.

Lesen Sie auf den nächsten Seiten, welche Ideen die Wissenschaftler haben, um das Klima zu verändern.