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Geo-Engineering gegen Klimawandel:Spiel ohne Grenzen

Forscher wollen die Klimakatastrophe mit künstlichen Eingriffen stoppen. Aber beim Geo-Engineering kennt niemand die Nebenwirkungen.

Und jetzt ist dieses Forschungsschiff tatsächlich unterwegs in Richtung des südlichen Eismeeres, um die Welt zu retten. Natürlich sagt man das nicht so laut. Die Forscher vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung sind auf der Polarstern, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.

Manche Forscher träumen von Flotten künstlicher Wolkenmacher.

(Foto: Foto: dpa)

Sie wollen auf einer Fläche von 300 Quadratkilometern den Ozean mit Eisen düngen, um das Wachstum von Algen anzuregen; das Experiment sei völlig unbedenklich, heißt es, da gehe es allein um das bessere Verständnis der Rolle der Ozeane im globalen Kohlenstoffkreislauf.

Natürlich würde sich, sollte das Experiment funktionieren, eine Möglichkeit eröffnen, CO2 in großem Rahmen zu absorbieren - und damit das Klima zu stabilisieren. Aber man will keinesfalls Gott spielen oder die Erde manipulieren. Es ist nur ein Versuch. Ein Back-up für den Notfall.

Umweltschützer protestieren weltweit. Mit der Erde dürfe man nicht herumspielen. Nicht noch mehr als bisher. Nicht in kleinem und schon gar nicht in so großem Maßstab. Die Reise der Polarstern sei ein weiteres Beispiel für menschliche Hybris, für die Wahnvorstellung, die vom Menschen verursachte Klimakatastrophe mittels "Techno-Fix" in den Griff zu bekommen.

Die Polarstern wird noch ein paar Tage unterwegs sein bis zu ihrem Bestimmungsort. Bis dahin mag es ein Moratorium geben. Damit jedoch ist die große Frage noch lange nicht geklärt, die dahinter steht: Darf, soll der Mensch Geo-Engineering, also die globale Manipulation der Erde und ihrer Biosphäre, einsetzen, um den Klimawandel aufzuhalten; und wenn ja, in welchem Rahmen?

Bis vor ein paar Jahren fielen derartige Experimente unter die Rubrik Zukunftsspielchen und Dr.-Seltsam-Phantasien, denen nur ein paar Wissenschaftler nachgingen, man bekam zu schnell einen schlechten Ruf. Wer sich damit befasste, stand im Wissenschaftsbetrieb ähnlich abseits wie die Parapsychologen. Wer darüber schrieb, wurde nur selten gedruckt. Öffentliche Forschungsmittel für Machbarkeitsstudien gab es kaum.

Die Vorschläge klangen ja auch wie das Drehbuch zu einem jener sehr schlechten Science-Fiction-Filme aus den fünfziger Jahren, in denen fortschrittsbesessene Wissenschaftler die Welt wiederholt an den Rande des Untergangs bringen und sie vom letzten vernünftigen Forscher gerade noch gerettet wird.

Nur sind es immer mehr vernünftige Forscher, die inzwischen leise von riesigen Sonnenspiegeln im Weltall träumen und von Flotten künstlicher Wolkenmacher, die das Sonnenlicht ins All zurückwerfen sollen. Nüchterne Forscher träumen von der Düngung der Weltmeere, um CO2 darin zu versenken, und von Wäldern aus künstlichen Bäumen, die CO2 aus der Luft nehmen sollen. Kluge Forscher denken über gewaltige Experimente nach, welche die gesamte Erde manipulieren sollten, um sie zu retten.

Und inzwischen wird Geo-Engineering oft an erster Stelle genannt, wenn es um den Plan B geht, die Menschheit vor der Klimakatastrophe zu bewahren.

Renommierte Wissenschaftler erklären öffentlich, dass die globale Erwärmung auf konventionelle Weise offenbar nicht aufgehalten werden kann. Politik und Gesellschaft haben versagt. Geo-Engineering müsse deshalb zu einer von mehreren Optionen im Umgang mit der Klimakatastrophe werden.