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Biotechnologie:Neue Gentechnik-Regeln für die EU?

Geranien mit Zitronenduft? - Forscherin lotet Grenzen aus

Setzlinge von Pelargonien wachsen in der Klimakammer eines gentechnischen Forschungslabors heran.

(Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/picture alliance / Klaus-Dietmar)

Eine Studie im Auftrag der EU-Kommission kommt zu dem Schluss, dass Pflanzen-Gentechnik zu einem nachhaltigeren Lebensmittelsystem beitragen könnte. Jetzt wird beraten, ob es eine neue Gesetzgebung braucht.

Von Serafin Reiber

Neue Methoden der Pflanzen-Gentechnik könnten zu einem "nachhaltigeren Lebensmittelsystem" beitragen, so lautet das Fazit einer Studie im Auftrag der EU-Kommission. Anliegen der Kommission war, sich mit dem Rechtsrahmen für neuartige Werkzeuge der Pflanzenbiotechnologie auseinanderzusetzen. Aktuell wird vor der Marktzulassung neuer Pflanzensorten, die etwa mithilfe der Gen-Schere Crispr-Cas geschaffen wurden, eine strenge Prüfung vorausgesetzt. Dies sei nicht zweckmäßig, heißt es in der Untersuchung, die in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde.

Die Studie stützt sich auf Expertenmeinungen, Beiträge der zuständigen Behörden der Mitgliedstaaten sowie auf Interessenvertreter. Der Deutsche Bauernverband und zahlreiche Wissenschaftler zeigten sich erfreut über das Ergebnis. Gentechkritische NGOs reagierten hingegen entsetzt, Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) äußerte schon vor der Veröffentlichung ihr Befremden: "Auch neue Gentechnik ist und bleibt Gentechnik."

Bislang hat die EU die Gentechnik stark eingeschränkt. In Deutschland, Österreich, Ungarn, Griechenland, Frankreich, Luxemburg, Bulgarien, Polen und Italien ist der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen seit 2009 verboten - anders als etwa in den USA, Kanada, Brasilien oder Indien. 81 Prozent der Deutschen sprachen sich 2019 in einer Umfrage des Umweltministeriums gegen Gentechnik in der Landwirtschaft aus. 63 Prozent zeigten sich besorgt, dass sich die Folgen neuer gentechnischer Verfahren nicht absehen lassen. Von gentechkritischen NGOs in Auftrag gegebene Umfragen in Frankreich zeigen ein ähnliches Bild.

Mit der Gen-Schere können gesündere Pflanzen gezüchtet werden

Gleichwohl hat die Forschung in den letzten Jahren immense Fortschritte erzielt. Mit neuen Zuchtmethoden wie der Gen-Schere Crispr-Cas können heute in kurzer Zeit Pflanzen gezüchtet werden, die mit weniger Bewässerung, Düngemitteln und Pestiziden auskommen. Auch gesundheitlich vorteilhaftere Pflanzen scheinen möglich, etwa mit einem veränderten Gehalt an Fettsäuren. Dabei werden jene Abschnitte auf der DNA der Pflanze ausgewählt, die beispielsweise auf Dürre oder eine Pilzkrankheit reagieren - und gezielt verändert. Für die Genschere Crispr-Cas9 erhielten zwei Forscherinnen 2020 den Chemie-Nobelpreis.

Während mit althergebrachten gentechnischen Methoden Pflanzen geschaffen wurden, die durch natürliche Prozesse kaum entstehen würden, und deshalb klar unter die strenge Regulierung der europäischen Freisetzungsrichtlinie für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) fallen, sind die Eingriffe durch die neuen Gentech-Werkzeuge praktisch nicht vom Werk der Natur zu unterscheiden. Es werden nicht mehr ganze Gene zwischen Organismen verpflanzt, sondern einzelne Bausteine im genetischen Code der Pflanzen geändert. Im Ergebnis sind so erschaffene Pflanzen nicht von konventionell gezüchteten zu unterscheiden - man kommt aber mit den neuen Werkzeugen sehr viel schneller ans Ziel.

Im Juli 2018 hatte der Europäische Gerichtshof in Luxemburg dennoch entschieden, dass die Sammlung neuer molekularbiologischer Methoden, zu denen auch die Gen-Schere Crispr-Cas gehört, die gleichen Risiken birgt wie die alten Verfahren der grünen Gentechnik. Pflanzen, die mit den neuen Werkzeugen entwickelt werden, werden deshalb ebenfalls in der EU als gentechnisch veränderte Organismen betrachtet und fallen unter entsprechend strenge Regelungen. Gleichwohl sind sie kaum von klassischen Züchtungen zu unterscheiden.

Sicher ist, dass sich die Gen-Schere von der klassischen Gentechnik unterscheidet. Bei der klassischen Gentechnik ist es dem Zufall überlassen, an welcher Stelle und wie häufig sich das neue Erbgut in eine Pflanze im Labor einfügt. Mit Hilfe der Gen-Schere dagegen können Züchter ziemlich sicher festlegen, wo im Pflanzen-Erbgut welche Änderung platziert werden muss, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen, etwa widerstandsfähiger zu sein gegen Trockenheit. Vor dem Gesetz sind Genschere und klassische Gentechnik jedoch gleich. Das schränkt die Forschung in diesem Bereich stark ein. Im Sommer 2019 protestierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von mehr als hundert Forschungseinrichtungen in ganz Europa in einem offenen Brief an EU-Kommission und -Parlament gegen diese Praxis.

Die Meinungen zur Studie der EU-Kommission gehen auseinander

Die nun in der vergangenen Woche publizierte Studie der EU-Kommission markiert eine Kehrtwende. "Endlich erkennt die EU an, dass der derzeitig geltende Rechtsrahmen für diese innovative Technologie nicht zweckmäßig und dem wissenschaftlichen Kenntnisstand angemessen ist", sagt Matin Qaim, Professor für Welternährungswirtschaft an der Universität Göttingen und Mitglied der Wissenschaftsakademie Leopoldina.

Angelika Hilbeck ist anderer Meinung. Die Agrarökologin forscht am Institut für Integrative Biologie an der ETH in Zürich. Es gebe zu wenig Daten darüber, wie sich mit Crispr-Cas und ähnlichen Methoden veränderte Pflanzen in der Natur verhielten, sagt sie. "Nicht alles muss immer und dauernd schädlich sein. Aber es kann schädlich sein, und das wissen wir nur, wenn wir uns die Mühe machen, nachzuschauen." Im Auftrag der Grünen im EU-Parlament hat Hilbeck eine Gegenstudie mitverfasst. Matin Qaim hält dagegen: "Nach über 30 Jahren Risikoforschung zur Gentechnik wissen wir, dass Risiken vom Produkt der Züchtung zu erwarten sind und nicht von der Züchtungsmethode. Wir sollten die Produkte, also die Sorten mit neuen Eigenschaften, auf Risiken hin testen, aber nicht bestimmte Methoden grundsätzlich verdammen. Genau das aber tun wir mit der Gentechnik in Europa seit 30 Jahren."

Angelika Hilbeck fürchtet einen Biodiversitäts-Verlust oder die Verunreinigung von klassischem Saatgut mit Gentech-Produkten. Die Risiken neuer Gentechniken seien nicht mit jenen der klassischen Züchtung zu vergleichen, so Hilbeck. Die EU solle als Reaktion auf neue Gentechniken ihr Gentechnik-Recht eher verschärfen und an die jeweilige Eingriffstiefe ins Erbgut anpassen.

Matin Qaim gibt zu bedenken, dass die neuen Züchtungstechnologien einen wertvollen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten können. "Dieses Potenzial sollten wir durch Vorurteile und Überregulierung nicht leichtfertig verspielen", sagt Qaim. Er fordert eine öffentliche Debatte über Gentechnik, um "alte und tief sitzende Vorurteile zu überwinden".

Diese Debatte steht in den kommenden Wochen an. Im Mai wird der Landwirtschafts- und Fischereirat mit allen EU-Ministern über die Studie beraten, ehe dann das Parlament und schließlich die Öffentlichkeit zu Wort kommen. Die Studie hält indes fest: Der Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen könne ethisch bedenklich sein. Genauso wie es ethisch bedenklich sei, die Chancen der neuen Technologie nicht zu nutzen.

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