Genmais-Verbot "Halbwahrheiten und Ängste"

Forscher monieren, die Ablehnung der Gentechnik in Deutschland fuße nicht auf tatsächlichen Risiken, sondern auf einer gezielten Kampagne.

Von P. Illinger und M. Widmann

Im Jahr 1980 gelang es amerikanischen Forschern erstmals, fremde Gene in die Zellen von Pflanzen einzuschleusen. Seither sehen Forscher ein enormes Potential in dieser Technologie. Ziel ist, das Erbgut von Nutzpflanzen so zu verbessern, dass die Gewächse neue Eigenschaften bekommen. Das kann ein verbesserter Geschmack sein, Frost-Beständigkeit oder Resistenz gegen einen Insekten-Schädling wie im Fall der nun in Deutschland verbotenen Maissorte Mon810.

Genmais ist vor dem gefürchteten Maiszünsler geschützt.

(Foto: Foto: AP)

Bei diesem Mais wurde ein Gen aus einem Bakterium namens Bacillus thuringiensis in das Erbgut der Pflanze eingeschleust. Das Gen steuert die Erzeugung eines für Larven des Maiszünslers giftigen Proteins. Der unter Landwirten berüchtigte Schädling kann somit dem Genmais, Bt-Mais genannt, nichts mehr anhaben. Beim Anbau von Bt-Mais sind daher weniger Insektizide nötig.

Doch die Kritik an gentechnischen Produkten dieser Art ist vielfältig. So sei beispielsweise unklar, welche Auswirkungen das von Bt-Mais erzeugte Toxin auf die umgebende Tier- und Pflanzenwelt habe, monieren Umweltverbände. Auch sei nach Ansicht von Gentechnik-Gegnern nicht ausreichend geprüft, ob transgene Pflanzen allergische Reaktionen bei Menschen auslösen können.

"Rückschlag für die Pflanzenforschung"

Die meisten Forscher aus den Bereichen Pflanzenkunde und Agrarökonomie betonen jedoch die Vorteile der grünen Gentechnik und beklagen die in Deutschland überwiegende Skepsis. "Es ist in den letzten Jahren bereits immer schwieriger geworden, neue Technologien im Bereich der Nutzpflanzen zu entwickeln", klagt Matin Qaim von der Universität Göttingen. Die jetzige Entscheidung sei ein weiterer Rückschlag für die Pflanzenforschung.

So wie Qaim erklären viele Wissenschaftler, dass gentechnisch veränderte Nutzpflanzen nötig seien, um den weltweiten Bedarf an Nahrungsmitteln zu sichern. "Die ablehnende Haltung in Deutschland fußt nicht auf tatsächlichen Risiken", sagt Qaim, sondern sei das Ergebnis einer "mit Halbwahrheiten und Ängsten geschürten Kampagne". Auch der Pflanzenexperte Hans-Jörg Jacobsen von der Universität Hannover sagt: "Die Entscheidung von Frau Aigner ist aus wissenschaftlicher Sicht absolut ungerechtfertigt." Vor dem Hintergrund der anstehenden Probleme wie Klimawandel und Bevölkerungsexplosion setze diese Entscheidung ein verheerendes Signal.

Direkte Konsequenzen für die Forscher hat das Verbot von Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) allerdings nicht - es bezieht sich allein auf den Anbau einer längst entwickelten Sorte. Auch in Zukunft sollen gentechnisch veränderte Pflanzen erforscht werden, sagt Aigner. Ehe sie Ministerin wurde, trat sie sogar ausdrücklich für ein "forschungsfreundlicheres Gentechnikgesetz" ein. So antwortete sie im August 2005 auf die Frage eines Bürgers auf der Internetseite Kandidatenwatch.de: "Wir werden die Forschung zur grünen Gentechnik fördern, denn so können Pflanzen gezüchtet werden, die resistent gegen Schädlinge sind und verbesserte Inhaltsstoffe haben."

Die bayerische Staatsregierung kündigte am Dienstag als Reaktion auf Aigners Entscheidung jedoch an, alle Freilandversuche zu stoppen. "Die Freilandversuche sind ad acta gelegt", sagte Agrarminister Helmut Brunner (CSU). Ein auf zehn Jahre angelegter Versuch werde nun schon nach neun Jahren beendet. "Wir wollen konsequent sein", sagte Brunner.

Den Anbau von Mon810 haben in Europa mittlerweile sechs Staaten verboten, außer Deutschland auch Österreich, Ungarn, Frankreich, Griechenland und Luxemburg. Die EU-Kommission will die Verbote allerdings zu Fall bringen, sie hält sie für unrechtmäßig. Den Ländern drohen Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof. In Brüssel liegen bereits zwei neue Bt-Maissorten der Konzerne Syngenta sowie Pioneer und Dow Agrosciences zur Zulassung vor.