GenetikAuf Händen und Füßen

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Forscher rätseln, ob eine kurdische Familie sich so bewegt wie die Vorfahren des Menschen - auf allen Vieren.

Susanne Schäfer

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Dass die Geschwister schon ihr Leben lang auf allen Vieren kriechen, hat Spuren hinterlassen: Die Hornhaut an ihren Handballen ist dick wie bei anderen Leuten die an den Fersen, in den Handflächen haben sich Schwielen gebildet.

Weshalb die fünf Kinder einer kurdischen Familie, zwischen 18 und 34 Jahre alt, sich trotzdem auf diese beschwerliche Art fortbewegen, erklären Forscher mit einem Ur-Instinkt.

Seit die Geschwister aus einem Dorf im Süden der Türkei im vergangenen Juli öffentlich bekannt wurden, diskutieren Wissenschaftler, ob sich an der Familie beobachten lässt, wie sich die Vorfahren des Menschen vor mehr als drei Millionen Jahren bewegten.

Der Evolutionspsychologe Nicholas Humphrey von der London School of Economics vermutet, dass dem Menschen eine Neigung zum Gang auf allen Vieren in den Genen festgeschrieben ist. Im Laufe der Evolution sei dieser Ur-Instinkt aber in den Hintergrund getreten.

Bei den Geschwistern könnte diese Neigung durch einen Gendefekt wieder aktiv geworden sein. "Ich glaube zwar nicht, dass sie von ihren Genen dazu vorherbestimmt waren, auf allen Vieren zu laufen, aber dass ihre einzigartige Gen-Kombination ihnen dies ermöglichte", sagte Humphrey der britischen Tageszeitung The Times.

"Das veränderte Gen liegt auf Chromosom 17"

Stefan Mundlos vom Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik in Berlin hat zusammen mit einer Gruppe von deutschen und türkischen Forschern das Erbmaterial der Familie untersucht. Die kurdischen Geschwister sind geistig zurückgeblieben, dafür ist offenbar ein Hirnschaden verantwortlich.

Die Forscher stellten fest, dass der Defekt bei den "Vierfüßlern" stärker ausgeprägt ist als bei ihren Geschwistern. In einer Vorab-Veröffentlichung für das Journal of Medical Genetics berichten die Forscher, sie hätten das veränderte Gen gefunden, das mit dem vierfüßigen Gang zusammenhängen könnte: Es liege auf dem Chromosom 17. Die Wissenschaftler räumen jedoch ein, dass nicht allein ein Gen erklären könne, warum der Mensch begann aufrecht zu gehen.

Zwei der Geschwister können einige Schritte aufrecht gehen, drei andere bewegen sich dagegen ausschließlich auf allen Vieren. Beim Krabbeln stützen sie sich auf den Handballen und strecken die Finger nach oben. Die Finger der Geschwister seien dadurch sehr beweglich geblieben, sagte Humphrey, der die Familie besucht hat.

Der Anthropologe vermutet, dass die Vorfahren des Menschen ihre Finger beim Krabbeln auch nach oben hielten, um ihre Finger für feine Arbeiten zu schützen. Gorillas und Schimpansen dagegen stützen sich auf ihre Fingerknochen. Die Finger können dadurch steif werden.

© SZ vom 09.03.2006 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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