Gemischte Gefühle: Wollust:Die Listen des Teufels

Sie verdrängt die restliche Welt, legt die Vernunft lahm und lässt keinen Platz für das Gebet: Die Wollust überwältigt den Menschen wie keine andere Emotion. Von jeher wird das Gefühl deshalb kontrolliert.

Sebastian Herrmann

Annemarie arbeitet als Erzieherin und will gerne als Prinzessin wiedergeboren werden. Männer, die nerven, mag sie nicht. Wer ihre Aufmerksamkeit erobern will, der sollte es verstehen, heiß zu tanzen. Und mit ihrem Nacktfoto auf der ersten Seite der Bild-Zeitung, so ist dem Fragebogen zu entnehmen, überrascht Annemarie ihren Großvater.

Susanna im Bade

Die biblische Geschichte der Susanna im Bade, der zwei alte Richter nachsteigen, hat Maler vieler Epochen fasziniert. Hier die Interpretation durch Alessandro Allori von 1607. Das Gemälde kündet womöglich von doppelter Wollust: die der Alten und die des Künstlers, der gern ein Nacktmodell im Atelier hatte.

(Foto: oh)

Für diesen Text hier ist aber eine andere Frage relevant, die den Nackigen von nebenan in der berühmtesten Rubrik der Bild-Zeitung regelmäßig gestellt wird: Wie denn Sex ohne Liebe für sie wäre? "Kann auch schön sein", antwortet Annemarie und bricht scheu eine Lanze für die Wollust - dieses mächtige Gefühl, um das Philosophen, Moralapostel, Wissenschaftler und der ganze Rest der Menschheit seit Ewigkeiten so ein Gewese veranstalten.

Was begründet das ganze aufgeregte Gebrüll rund um die Wollust? Ihre Konsequenzen und Bedeutung: Die sexuelle Begierde erfüllt die wichtigste Funktion, die ein Gefühl ausüben kann. Sie sichert ganz unmittelbar die Arterhaltung des Menschen, indem sie für Nachwuchs sorgt. Um das einzusehen, musste nicht einmal die Disziplin der Evolutionspsychologie erfunden werden.

Doch eine so essentielle Aufgabe erfordert einen starken Antrieb, und kaum ein Gefühl aus dem Köcher der Emotionen überwältigt den Menschen so sehr wie die Wollust - genau das ist das Problem. Das sexuelle Verlangen und die Wollust fegen ungestüm und unbeherrscht die Vernunft zur Seite und stürzen den Menschen zurück ins Reich der Tiere. Der Körper übernimmt das Regiment und drängt den Geist zurück. "Der Orgasmus unterbindet das Denken", schreibt der britische Philosoph Simon Blackburn in seinem Buch "Wollust. Die schönste Todsünde".

Durchsetzt von Ekel und Scham

In die Wollust mischt sich ein ganzer Strauß anderer Gefühle, denen der Menschen entsetzt oder entzückt und immer hilflos gegenübersteht. Sie ist durchsetzt von Ekel angesichts eigener und fremder Körperflüssigkeiten, von Scham angesichts des Kontrollverlusts samt seltsamen Spasmen und Verrenkungen. Zugleich verspricht die Wollust die höchste Ekstase, die der Mensch zu erreichen imstande ist. Die Natur degradiert ihn zum Trottel und entschädigt durch große Lust.

Die Begierde ist der dunkle Partner der Liebe, der nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Spaziert ein Pärchen innig umarmt durch einen Park, dann lächeln die meisten Menschen. "Liebe erhält den Applaus der ganzen Welt", sagt Simon Blackburn. Über Paare, die im Gebüsch beim Geschlechtsakt erwischt werden, rümpft die ganze Welt die Nase.

Die Wollust verdrängt die restliche Welt, legt die Vernunft lahm und lässt keinen Platz für das Gebet. Stets sei es deshalb ein Anliegen der Menschen gewesen, die Wollust zu kontrollieren und zurückzudrängen, schreibt Simon Blackburn. Der griechische Philosoph Platon forderte die Einschränkung des Gefühls. Die Wollust sei schändlich, und den Vergnügungen der Sexualität zu erliegen sei deshalb eigentlich immer eine Art von Versagen.

Plinius der Ältere erhob in diesem Zuge den Elefanten zum Symbol der Tugendhaftigkeit. Die Dickhäuter, so fabulierte der Römer, kopulierten höchstens alle zwei Jahre, nur im Verborgenen und nie zu ihrem Vergnügen. Mann und Frau sollten den edlen Tieren nacheifern, wünschte sich Plinius. Auch Seneca forderte, der Wollust dürfe nur zur Zeugung nachgegeben werden. Der von sexuellen Schuldgefühlen geplagte Kirchenvater Augustinus - er hatte Frau und Kind sitzenlassen - verhalf der Idee in der abendländischen Kultur zum Durchbruch.

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