Gemischte Gefühle: Erhabenheit Als gefährliche Gemütsbewegung verufen

Spätestens mit dem Faschismus und dessen ästhetisch inszenierten Fackelmärschen und Massenveranstaltungen ist die Erhabenheit im öffentlichen Raum zumindest in Europa als irrationale, ja gefährliche Gemütsbewegung in Verruf geraten. Und das, obwohl die Autoren der Antike das Erhabene gerade im Rhetorischen sahen: "Das Erhabene zerreißt", schreibt Pseudo-Longinos, "wenn es im richtigen Augenblick hervorbricht, wie ein Blitz alle Dinge und zeigt mit einem Mal die ganze Gewalt des Redners."

In den USA glauben die Emotionspsychologen noch an die Macht der Rede, so auch Berkeley-Forscher Keltner, der nach dem Fehlschlag mit dem Dinosaurier gerne den Präsidenten der USA in sein Labor zitiert hätte. Keltner glaubt, dass Barack Obama in seinen Wahlkampfreden erhabene Gefühle bei seinen Zuhörern gestiftet habe, die sich auch messen ließen: Sie stimulierten den Vagus-Nerv, was zu "einem Gefühl von flüssiger Wärme in der Brust und eines Kloßes im Hals" führe.

Erhabener Phasenübergang von Jodkristallen

Keltners Kollege Jonathan Haidt von der University of Virginia wollte es noch genauer wissen: Er entdeckte, dass stillende Mütter im Labor deutlich häufiger spontan Milch absonderten oder ihr Kind an die Brust nahmen, wenn sie zuvor eine rührselige, moralisch erhebende TV-Reportage über ein Gang-Mitglied angesehen hatten, das von einem selbstlosen Lehrer vor dem Abgleiten in die Gewalt gerettet wurde. Haidt folgert, dass Erhabenheit in uns "den Wunsch weckt, ein besserer Mensch zu sein oder ein besseres Leben zu führen".

Solche pragmatischen Überlegungen sind weit entfernt von den existentiellen Gefühlen der Erhabenheit der Romantik. Zeitgenössischen Betrachtern fällt es schwer, beim Anblick noch der schaurigsten Landschaften Caspar David Friedrichs in eine erhabene Stimmung zu verfallen, allein schon deshalb weil man diese Bilder zu häufig gesehen hat auf Plattencovern, Keksschachteln oder in der Tourismus-Werbung. Es wundert nicht, dass der Begriff der Erhabenheit lange Zeit ziemlich staubte.

Wenig nachhaltig blieb der Versuch einiger Ästhetiker um 1990 herum, das Erhabene als Erfahrung des Unbegreiflichen in die abstrakte Kunst zu transportieren. Zwiespältig wirkt auch ein von dem Chemie-Nobelpreisträger Roald Hoffmann und dem Architekturhistoriker Iain Boyd Whyte aktuell herausgegebener Sammelband, der "Das Erhabene in Wissenschaft und Kunst" der Gegenwart entdecken will (Suhrkamp, 2010):

So entlarvt in eben diesem Band Kunsthistorikerin Elizabeth Kesserl die Hochglanz-Bilder des Weltraumteleskops Hubble als weitgehend computergenerierte Kunstprodukte. Und wer teilt schon den Enthusiasmus Hoffmanns, der beim Phasenübergang von Jodkristallen im Becherglas das Erhabene zu fühlen vermag?

Und da es die Dinosaurier-Skelette offenbar nicht so richtig bringen, wäre es vielleicht sinnvoller, wenn man sich an Kant erinnert, und von Zeit zu Zeit des Nachts in die Berge geht und den Sternenhimmel über sich bestaunt.

Groß ist die Wahrscheinlichkeit, dort etwas zu empfinden, das man erhaben nennen mag. Solche Empfindungen hat vielleicht der Philosoph Thomas Metzinger gemeint, als er in einem Interview von der Möglichkeit sprach, "dass es jenseits des infantilen Glaubens und des fanatischen Reduktionismus noch Dinge gibt, über die man überhaupt nicht reden kann. Sachen, die man vielleicht in einer unberührbaren Stille erlebt und am besten da lässt."