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Gemischte Gefühle: Einsamkeit:Einsamkeit ist kulturell geprägt

Entgegen der verbreiteten Vorstellung, dass vor allem alte Menschen unter Einsamkeit leiden, zeigen Studien, dass Jugendliche häufiger einsam sind - weil sie ihre eigene Identität entwickeln oder weil die Familie nervt und sie neue Beziehungen suchen. Zur Beraterin Bohn kommen auch oft einsame Frauen in den Wechseljahren. "Das ist eine Zeit des Umbruchs", sagt sie. "Oft ziehen in dieser Zeit die Kinder aus und man fragt sich, was man aus seinem Leben eigentlich machen will."

Inwieweit gesellschaftliche Strukturen die Häufigkeit und Intensität von Einsamkeit beeinflussen, ist nicht ausreichend erforscht. Erste Studien legen aber den Schluss nahe, dass sich Menschen umso einsamer fühlen, je mehr ihre Gesellschaft auf Gemeinschaft gepolt ist.

Senioren im konservativen Spanien fühlten sich wesentlich häufiger einsam als im liberalen Schweden. Forscher erklären das auch damit, dass in Spanien Alleinsein häufiger mit einer Distanzierung von der Familie in Verbindung gebracht wird, in Schweden hingegen mit Autonomie.

Umgekehrt hat der Psychologe Sean Seepersad beobachtet, dass sich junge Leute in den progressiven USA einsamer fühlten als gleichaltrige Koreaner, wenn sie keine romantische Beziehung haben. Offenbar deswegen, weil eine knisternde Liebe in Korea kein Must-Have ist wie in den USA.

Die kulturellen Werte wirken sich auch darauf aus, wie sich Einsamkeit genau anfühlt. Der Psychologe Ami Rokach hat zum Beispiel gezeigt, dass sich einsame Kanadier in der Regel für ihre Situation eher schämen als Türken. Die kanadische Gesellschaft missbillige Einsamkeit und belohne persönlichen Erfolg, schreibt Rokach.

Deswegen würde Einsamkeit dort eher als individuelles Versagen interpretiert. Allerdings gelinge es manchen Kanadiern auch, ihrer Einsamkeit etwas Positives abzugewinnen: Sie sehen in ihr die Möglichkeit, sich zu konzentrieren und die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Diese Sichtweise kommt auch der ursprünglichen Bedeutung nahe, denn im Mittelalter bedeutete Einsamkeit, mit sich selbst eins zu sein. Diese überwiegend positive Interpretation hielt sich lange: Im Pietismus galt Einsamkeit als Chance, sich Gott zu nähern, in der Aufklärung als Möglichkeit zur Selbstvervollkommnung und im 19. Jahrhundert als akzeptabler Rückzug von der Gesellschaft. Erst im 20. Jahrhundert kippte die Wertung ins Negative.

Egal, wie die Bewertung der Einsamkeit ausfällt: Empfunden hat sie vermutlich schon jeder Mensch. "Wer sagt, dass er noch nie einsam war, lügt oder ist ein Psychopath", sagt Cacioppo. Denn der Grund für das Gefühl liegt nach Ansicht vieler Forscher in der Evolution, in der uralten Angst vor dem Alleinsein.

Einsamkeit hilft uns, unseren Körper zu erhalten

Schon die urzeitlichen Menschen hätten besser in Gruppen gesammelt, gejagt und Behausungen gebaut, schreibt der Sozialpsychologe Roy Baumeister. Und wichtiger noch: Ohne Partner funktioniert die Fortpflanzung nicht. Zudem kommen Kinder so unfertig auf die Welt, dass sie keine Überlebenschance haben, wenn sie allein gelassen werden. Und diese Angst bleibt. "Schicken Sie mal ein Kind vor die Tür, weil es böse war", sagt Cacioppo. Diese Strafe werde als besonders hart empfunden.

"Einsamkeit hilft uns wie der Schmerz, unseren Körper zu erhalten", sagt Cacioppo. Und tatsächlich scheint es zwischen diesen Empfindungen Parallelen zu geben, die messbar sind: Wenn sich jemand ausgeschlossen fühlt, werden dieselben Areale im Gehirn aktiv, wie bei körperlichen Schmerzen.

Studien deuten auf einen Zusammenhang hin zwischen Einsamkeit und Depressionen, Selbstmord, Übelkeit, Ess- und Schlafstörungen, Alkohol- und Drogensucht und sogar der Alzheimer-Krankheit. Cacioppos Analysen zufolge haben Einsame außerdem einen höheren Blutdruck und ein schlechteres Immunsystem. Forscher der University of British Columbia haben erst jüngst nachgewiesen, dass die Sterblichkeit bei Menschen signifikant höher war, die angaben, sich oft einsam zu fühlen.

Dabei scheint Einsamkeit ansteckend zu sein wie eine Krankheit. Menschen am Rand eines sozialen Netzwerks hätten wenige Freunde und fühlten sich deshalb eher einsam. Sie verhielten sich dann zurückhaltender, feindseliger, weniger selbstbewusst und würden so ihre negative Einstellung an ihre wenigen Freunde weitergeben, bevor sie sich ganz von ihnen abkapseln. So gehe das immer weiter. "Unser soziales Gewebe kann an den Enden ausfransen, wie das Ende eines Strickpullis", schreibt Cacioppo

Weil Einsamkeit die Menschen stigmatisiert, wollen sich viele Menschen nicht einmal selbst eingestehen, dass sie einsam sind. Beraterin Bohn hat das oft beobachtet und versucht ihre Klienten dazu zu bringen, das Gefühl anzunehmen.

"Es ist wichtig, dass die Leute begreifen, dass das Gefühl nicht schön ist, sie selbst aber in Ordnung sind." Für Bohn beginnt dann die Arbeit, ihre Klienten aus dem "zutiefst schmerzvollen" Zustand herauszuführen.

Denn sie kann Einsamkeit nicht solche positiven Seiten abgewinnen, wie Wilhelm Busch es einst getan hat. Er schrieb: "Wer einsam ist, der hat es gut, weil keiner da ist, der ihm was tut."

© SZ vom 02.07.2010/cosa

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