Gemischte Gefühle: Die Sehnsucht:Es geht nicht um konkrete Ziele

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Weil der Sehnsüchtige das eigene Leben als unvollkommen und unfertig betrachtet, entwirft er die Idee eines perfekten Lebens, in dem er mit dem Traumpartner zusammen ist oder im eigenen Haus am Ufer dieses traumhaften italienischen Sees lebt.

Wichtig dabei: Es geht nicht um konkrete Ziele, die sich mit etwas Anstrengung verwirklichen lassen ("Diplom schaffen!"), sondern um Träume, die in nur schwachem Kontakt zur Wirklichkeit stehen ("Lena Meyer-Landrut heiraten!").

Zugleich stehen die Sehnsuchtsinhalte häufig symbolisch für weiterreichende Bedeutungen: "Für mich bedeutet das eigene Haus in Italien das südliche Leben an sich." Die Sehnsucht richtet sich auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. "So wie bei einem Vater, der sich an seinen verstorbenen Sohn erinnert, der ihm in seinem gegenwärtigen Leben fehlt und von dem er sich wünscht, dass diese Zeit mit ihm zurückkehrt", sagt Alexandra Freund, die inzwischen an der Universität Zürich lehrt.

Im Erleben, so erklärt es das Forschungsteam, sei die Sehnsucht ein typisch gemischtes Gefühl: Bitter sei das Wissen um die Unerreichbarkeit des Zieles, süß aber die Phantasie des Ersehnten."Im Ganzen aber scheinen Menschen die Sehnsucht als hilfreich zu empfinden", sagt Freund.

Deshalb würden sich viele Menschen gezielt in eine sehnsüchtige Stimmung bringen, indem sie Musik hören, Filme sehen oder in einschlägigen Magazinen blättern: "Wenn ich in eine Frauenzeitschrift schaue, dann denke ich: Sehnsucht von A bis Z. Pure Sehnsucht nach der wahren Liebe, von der die Leser ahnen, dass es sie in der Wirklichkeit womöglich gar nicht gibt."

Das sei auch der Grund, wieso Kleinkinder wohl noch keine Sehnsucht im engeren Sinne bekommen - wenn man vom Heimweh mal absieht. "Sehnsucht kann erst entwickeln, wer über sein Leben sinnieren kann, der Erfahrungen gemacht hat und die Frage stellen kann: Was wäre wenn?", sagt Freund.

Sehnsucht kann dem Leben eine Richtung geben

Erst 15- bis 16-Jährige könnten konkrete Sehnsüchte benennen, im jungen bis mittleren Erwachsenenalter entfalte sich dieses Empfinden dann vollständig. Da hat es auch seine Funktionen: Sehnsucht könne zum einen dabei helfen, mit der eigenen Unfertigkeit, den Verlusten und dem nicht perfekten Leben umzugehen.

Zum anderen könne sie dem Leben eine Richtung geben und dabei helfen, sich Ziele in den Lebensbereichen zu setzen, die einem wichtig sind - nicht Endstation Sehnsucht, sondern: Zwischenstation.

Eine erste Studie an 168 Frauen, die sich ihren Kinderwunsch nicht hatten erfüllen können, bestätigt die stützende Funktion: Jenen Frauen, denen es gelang, den konkreten Ziel Kinderwunsch in eine gesunde, nicht in die Depression kippende Sehnsucht umzuformen, ging es am besten: "Sie kosten die süße Komponente voll der Emotion aus", erläutert Studienautorin Dana Kotter-Grühn von der North Carolina State University.

Dass aber die Sehnsucht auch eine gesellschaftliche Kraft entfalten könnte, hat am schönsten der eschatologische Kommunist Ernst Bloch formuliert: Er sah in der Fähigkeit zur Sehnsucht die ehrlichste Eigenschaft des Menschen. Sie - so hoffte er - könne etwas in die Welt bringen, was nicht nur Schweizer Söldner brauchen, "das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat".

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