Gemischte Gefühle: Die Sehnsucht Emotionale Zwischenstation

Die Sehnsucht erfüllt eine wichtige Aufgabe: Sie hilft dem Menschen, mit seinem unvollkommenen Leben umzugehen, diesem aber gleichzeitig eine Richtung zu geben und sich Ziele zu stecken.

Von Christian Weber

Es mag übertrieben sein, das Singen eines Hirtenliedes mit der Todesstrafe zu bedrohen, psychologiegeschichtlich ist es aber interessant. Selbst das seriöse wissenschaftliche "Historische Lexikon der Schweiz" kolportiert diese Geschichte: In der französischen Armee konnten sich die Schweizer Söldner bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts um Kopf und Kragen bringen, schlicht dadurch, dass sie einen sogenannten Kuhreihen sangen. So hießen die Lieder, mit denen die Schweizer Hirten die Kühe auf der Weide eintrieben und beim Melken mit den Worten beruhigten: "Har Chueli, ho Lobe".

Die Sehnsucht hilft uns dabei, uns neue Ziele zu stecken.

(Foto: dpa)

Die französischen Offiziere drohten mit der Maximalstrafe, weil sie befürchteten, dass die Melodie die Soldaten mit entsetzlichem Heimweh infizieren und so zur Fahnenflucht anstiften würde. Mit gutem Grund also entstand die Idee von der Sehnsucht nach der fernen Heimat in der Schweiz.

Der Zürcher Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) wusste auch warum: Da der Luftdruck in den flachen Ländern höher sei als in den Alpen, leide in der Fremde die Blutzirkulation der Schweizer Bergler: Nur rasches Verbringen eines Heimwehkranken an einen höheren Ort könne ihn vor dem Tode bewahren.

Das Verständnis von Heimweh als einer Art umgedrehter Höhenkrankheit mag aus heutiger Sicht amüsieren, dennoch verdienen diese frühen Forscher Anerkennung: Hatten sie doch zumindest erkannt, wie sehr das Gefühl der Sehnsucht einen Menschen packen kann, egal ob es sich als Heimweh äußert, als Fernweh oder als heftiges Verlangen nach Menschen oder Sachen, die ebenso begehrt wie unerreichbar sind.

Von der Krankheit bis zum Nationalgefühl

Umso mehr erstaunt es, dass sich die wissenschaftliche Psychologie bis heute kaum mit diesem Gefühl beschäftigt. Dabei hatte es sich doch in der Blütezeit der deutschen Literatur zum Nationalgefühl entwickelt.Für die Sehnsucht stand die Blaue Blume des Dichters Novalis, Sehnsucht trieb die Helden des Bildungsromans von Wilhelm Meister bis Heinrich Drendorf.

Mit ihnen änderte sich auch das Verständnis des Begriffes zum Positiven hin: Noch das Grimmsche Wörterbuch sieht in ihr an erster Stelle die "krankheit des schmerzlichen verlangens". Mit den biografischen Romanen wurde deutlich, dass Sehnsucht die Entwicklung eines Menschen auch befördern kann, selbst wenn er das ursprünglich ersehnte Ziel verfehlt.

Diesen Ansatz nahm vor einigen Jahren der Psychologe Paul Baltes auf, der als Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung etabliert hatte und unorthodox genug war, um sich einem solch unkonventionellen Thema zu widmen.

Mit seinen Mitarbeiterinnen Alexandra Freund und Susanne Scheibe entwickelte er ein theoretisches Konzept, das sie in Umfragen bestätigen konnten. Demnach zeichnet sich das komplexe Phänomen Sehnsucht für die meisten Menschen durch spezifische Merkmale aus: