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Psychologie:Die Qual des Bezahlens

Comic Museum in Schwarzenbach

Dagobert Duck, die berühmteste geizige Ente der Welt.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Warum Geizkragen offenbar besonders häufig lügen und tricksen, um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen.

Von Sebastian Herrmann

In einer längst vergangenen Zeit, als das Geld besonders knapp und die persönlichen Pflichten dafür noch überschaubar waren, ergab sich beim Feiern immer wieder die gleiche Situation. In der Gruppe der Freunde gab es einen, der so gut wie niemals zahlte. Im Laufe eines Abend war jeder mal dran, für alle eine Runde Bier oder andere Getränke an der Theke zu holen. Darüber musste nicht groß gesprochen werden, es ergab sich einfach so. Nur einer schaffte es, sich jedes Mal zu drücken und das, obwohl er mehr Geld hatte als alle anderen. Im entscheidenden Moment verschwand der durstige Geizkragen stets, hatte eine Ausrede parat oder wand sich auf andere Weise heraus.

Folgt man nun Verhaltensökonomen um Gideon Yaniv von der israelischen Ariel University, ließe sich dieses Verhalten vielleicht sogar als typisch bezeichnen: Geizhälse treibt der Schmerz des Zahlens demnach in besonderem Maße dazu, zu lügen und zu tricksen, wie die Forscher im Journal of Economic Behaviour and Organization berichten.

Forschung zu unehrlichem Verhalten hat in den vergangenen Jahren einen Schwerpunkt darin gefunden, den Zusammenhang von emotionalen Zuständen mit der Neigung zu Schummeleien zu beschreiben. Einige Befunde deuten darauf hin, dass vor allem gut gelaunte Menschen gerne mal lügen oder betrügen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. So haben Wissenschaftler beobachtet, dass es in guter Stimmung leichter fällt, sich selbst gegenüber kleine Unehrlichkeiten zu rechtfertigen. Zum Beispiel verleiten persönliche Erfolge dazu, eine Anspruchshaltung zu kultivieren, aus der heraus man sich kleine Missetaten leichter verzeiht. Optimisten, so ein anderer Befund, sind eher unehrlich als Pessimisten.

Um zu sparen, ließen die Taxifahrer die Klimaanlage aus

In der aktuellen Studie trieb nun ein negatives Gefühl die Probanden dazu, in einem Test zu schummeln. Die Forscher ermittelten auf verschiedene Weise das Geiz-Niveau der Teilnehmer. Dazu ließen sie die Teilnehmer unter anderem Fragebögen ausfüllen. Im anderen Fall überprüften sie, wie lange einzelne Personen in Tel Aviv in Cafés saßen und das Wlan zur Arbeit nutzten, ohne sich etwas zu bestellen. Als dritte Gruppe dienten den Ökonomen Taxifahrer in Jerusalem, die im Sommer aus Gründen der Sparsamkeit die Klimaanlage ausgeschaltet lassen. So ergaben sich stets zwei Vergleichsgruppen: geizige und weniger geizige Taxifahrer, Cafébesucher, die viel oder wenig konsumierten, oder eben Teilnehmer, deren Geiz per Fragebogen ermittelt worden war.

In einem zweiten Schritt prüften die Forscher die Ehrlichkeit der Probanden. Dazu wurde ihnen Geld versprochen, das erst nach einem Würfelwurf ausgezahlt wurde. Je mehr Augen der Würfel anzeigte, desto weniger Geld bekamen die Probanden. Das Würfel-Ergebnis kannten jedoch nur Studienteilnehmer, sie sollten dieses den Forschern schlicht mitteilen. Im Durchschnitt schienen die Geizkragen-Gruppen jeweils deutlich niedrigere Zahlen als die weniger sparsamen Teilnehmer zu würfeln. Anders gesagt: Die Geizhälse behaupteten auffällig oft, sie hätten eine Eins gewürfelt - ein deutliches Indiz, dass da geschummelt wurde und die Angst vor dem Verlust von Geld zu Unehrlichkeit verleitete.

Für die Studienteilnehmer hatte die Schummelei keine Konsequenzen. Der geizige Kumpel aus vergangenen Zeiten provozierte hingegen eine Gegenreaktion. Nach einer Weile brachte ihm einfach keiner mehr ein Bier von der Theke mit. Das allerdings fühlte sich auch nicht gut an, es drängte einen selbst in die Rolle des kleinlichen Spießers. Irgendwann verlor man sich aus den Augen.

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