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Philosophie:Die Wirklichkeit als "eine einzige Stadt"

Perspektivismus

Doch damit nicht genug, weist Leibniz auch nach, dass wir keine Perzeptionen ohne Apperzeptionen haben können, also keine Wahrnehmung ohne ihre bewusste Aufnahme. Das bedeutet: Unser subjektives Erleben untersteht nicht nur einer anderen Ordnung als die vom objektiven Standpunkt aus beschreibbare Natur, sondern diese Ordnung ist fundamental perspektivisch verfasst. Im Paragrafen 58 der Monadologie behauptet Leibniz in einem sehr schönen Bild, die Wirklichkeit sei wie "eine einzige Stadt", die "aus verschiedenen Gegenden angesehen wird" "und gleichsam auf perspektivische Art verändert und vervielfältigt wird".

Jeder bewusste Standpunkt, den wir Tatsachen gegenüber einnehmen können, repräsentiert nur eine Auswahl von Tatsachen. Wir erfassen ja niemals die Wirklichkeit als ganze in einem mentalen Akt, sondern immer nur Ausschnitte: Niemand hat jemals München als Ganzes erfasst, wozu die vielfältigen sozialen und optischen Perspektiven auf München gehören, sondern immer nur sein oder ihr München. Leibniz geht so weit, eine "unendliche Menge" solcher Perspektiven anzunehmen.

Sein Name für Perspektive ist: Monade. Aktualisiert man den Punkt, um den es hier geht, kann man sagen, dass die Wirklichkeit uns nur deswegen überhaupt Informationen zur geistigen Verarbeitung liefert, weil wir Muster auswählen können. Das Wirkliche ist dadurch für uns formatiert, dass wir es überhaupt erkennen können. Leibniz' Name für unsere perspektivische Muster-Erkennung lautet "Fenster". Dies verbirgt sich hinter seinem berühmten Diktum "Die Monaden haben keine Fenster, durch die irgendetwas ein- oder austreten" kann.

Damit meint Leibniz entgegen landläufigen Deutungen keineswegs, jeder von uns sei in einer Art Kinosaal gefangen, außerhalb dessen sich eine an sich unzugängliche Wirklichkeit befinde, die wir niemals zu Gesicht bekommen. Er weist vielmehr darauf hin, dass epistemische (wissensförmige) Einstellungen Bedingungen unterstehen, die nicht dadurch in unseren Geist hineinkommen, dass die Wirklichkeit auf uns zugeschnitten ist. Die Ausschnitte, die wir geistig verarbeiten, sind Perspektiven. Der Witz dabei ist, dass Perspektiven nicht Teil der aperspektivischen Welt "da draußen" sind. Wenn ich den Kölner Dom sehe, dann aus einer Perspektive. Die Perspektive berührt dabei nicht etwa den Kölner Dom, so wie ich ihn berühre, wenn ich ihm aus Versehen zu nahe komme.

Kurzum: Der menschliche Geist stößt nicht physikalisch auf die Wirklichkeit, sondern er erkennt sie. Das Wirkliche schlägt dem Geist nicht ins Gesicht, es kitzelt auch nicht unsere Nervenenden, sondern wir erkennen es. Das ist etwas kategorial anderes.