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Artenschutz:"Es droht ein europaweites Geiersterben"

Greifvogel-Freiflugschau im Kurpfalz-Park in Wachenheim

Ein Gänsegeier im Anflug.

(Foto: Ronald Wittek/picture-alliance/ dpa)

Der erstmalige Nachweis eines durch das Medikament Diclofenac getöteten Geiers in Europa alarmiert Umweltschützer. Sie fordern ein Verbot des Mittels, das die Tiere in Südasien in Massen getötet hat.

Von Thomas Krumenacker

Der Einsatz des Rheuma- und Schmerzmittels Diclofenac in der Massentierhaltung hatte in Südasien zu Beginn des Jahrtausends ein Geiersterben zur Folge. Innerhalb weniger Jahre waren die zuvor in Scharen präsenten Aasfresser in Indien, Pakistan, Nepal und vielen anderen Staaten der Region fast verschwunden. Die Vögel starben an Nierenversagen, nachdem sie Kadaver von zuvor mit Diclofenac behandelten Tieren gefressen hatten. Trotzdem wurde Diclofenac als Tierarznei von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA für die Verwendung in der EU zugelassen. In Spanien ist die Anwendung von Diclofenac seit 2013 freigegeben. Jetzt haben Wissenschaftler erstmals nachgewiesen, dass ein Wildvogel in Europa an einer Diclofenac-Vergiftung gestorben ist. Der junge Mönchsgeier wurde tot in seinem Nest im nordspanischen Katalonien gefunden. Der Biologe und Vogelschützer José Tavares fürchtet, dass es der Anfang eines europaweiten Geiersterbens sein könnte.

SZ: Herr Tavares, wie geht es Europas Geiern?

José Tavares: Noch geht es ihnen ausgezeichnet. Die Erholung aller vier Geierarten ist einer der seltenen Lichtblicke des Naturschutzes. Gänsegeier haben ihre Bestände in den letzten Jahrzehnten um mehr als 1000 Prozent steigern können, und auch die weniger häufigen Mönchs- oder Schmutzgeier haben sich gut erholen können, nachdem sie nicht mehr verfolgt werden dürfen. Dank menschlicher Unterstützung durch Wiederansiedlungsprojekte steht auch der Bartgeier vor einem Comeback in den Alpen.

Vogelschutzverbände fürchten nach dem ersten Nachweis eines an Diclofenac gestorbenen Mönchsgeiers in Europa ein massenhaftes Geiersterben wie in Südasien. Wie groß ist diese Gefahr?

Die Gefahr ist sehr real. Das war auch der EU-Kommission bewusst, als es um die Zulassung von Diclofenac in Europa ging. Deshalb wurde ein förmlicher Konsultationsprozess organisiert, in dessen Verlauf Experten das Risiko bestätigten. Sie glaubten aber, dass man das Eindringen von Diclofenac in die Nahrungskette der Geier verhindern könne, wenn einige Vorsichtsmaßnahmen ergriffen würden - etwa eine strenge tierärztliche Verschreibungspflicht oder Warnhinweise auf den Verpackungen. Diese Maßnahmen sind aber ganz offensichtlich nicht ausreichend, wie der Fall des Mönchsgeiers beweist. Er ist sozusagen der "rauchende Colt", der eindeutige Beweis des Scheiterns der bisherigen Strategie.

José Tavares

Der Biologe José Tavares arbeitet seit Jahrzehnten im internationalen Vogelschutz. Als Direktor der Stiftung "Vulture Conservation Foundation" koordiniert er von Zürich aus Schutzprojekte für die vier europäischen Geierarten.

(Foto: G A Furlong; VCF)

Aber kann es sich nicht um einen Einzelfall handeln?

Leider wahrscheinlich nicht, denn andere Wissenschaftler haben bereits zuvor Diclofenac aus der Tiermedizin in Kadavern von Nutztieren gefunden, die ebenfalls für Geier zugänglich waren. Auch der aktuelle Fall ist nur aufgefallen, weil der Junggeier zu Forschungszwecken mit einem Satellitensender überwacht wurde.

Was kann nun getan werden, um ein Geiersterben zu verhindern?

In der europäischen Umweltpolitik gilt das Vorsorgeprinzip. Das bedeutet, dass absehbare Gefahren, wo immer möglich, vermieden oder minimiert werden müssen. Angesichts der Tatsache, dass es mit dem Mittel Meloxicam eine ebenso wirksame wie für Geier unschädliche Alternative gibt, müssen die europäischen und die spanischen Behörden jetzt handeln und Diclofenac verbieten - bevor es zu spät ist.

Welche Folgen hatte die Beinahe-Ausrottung der Geier in Indien und anderen asiatischen Staaten für die Ökosysteme?

Geier haben als "Gesundheitspolizei" eine zentrale Rolle im Ökosystem. Vor allem verhindern sie durch die rasche Entsorgung von Kadavern die Verbreitung gefährlicher Krankheiten. Das massenhafte Fehlen der Geier hatte in Asien massive Folgen für die Menschen dort. Weil die Vögel die Kadaver nicht mehr beseitigen konnten, übernahmen das verwilderte Hunde und andere Tiere wie Ratten, die sich stark ausbreiteten. Dies wiederum führte zu einem starken Anstieg der Tollwut, die auch für Menschen lebensbedrohlich ist. Es gab aber auch kulturelle Auswirkungen - insbesondere für Religionsgemeinschaften wie die Zoroastrier, die Verstorbene in einer mehr als 3000 Jahre alten Tradition als religiöses Ritual von Geiern fressen lassen. Ohne Geier verschwindet die gesamte kulturelle, religiöse und soziale Bedeutung der Türme des Schweigens, in denen die Toten den Tieren dargeboten werden. Mit den Geiern ging also auch ein wichtiger Teil der menschlichen Kultur verloren.

Zur Person

José Tavares ist Biologe und arbeitet seit Jahrzehnten im internationalen Vogelschutz. Als Direktor der Stiftung "Vulture Conservation Foundation" koordiniert er von Zürich aus Schutzprojekte für die vier europäischen Geierarten.

Von den in den vergangenen Jahren neu aufgetretenen Infektionskrankheiten haben drei Viertel einen tierischen Ursprung. Der Weltbiodiversitätsrat warnte jüngst, diese sogenannten Zoonosen könnten jederzeit neue Pandemien auslösen. Was würde ein europaweites Geiersterben in diesem Zusammenhang bedeuten?

Die Corona-Pandemie hat uns deutlich in Erinnerung gerufen, dass wir alle miteinander verbunden sind - der Planet, die Artenvielfalt, die Menschen. Was mit Fledermäusen, von denen das Virus möglicherweise stammt, oder Geiern passiert, ist auch für uns von Bedeutung. Wir brauchen diese Aufräumtruppe in der Natur für einen gesunden Planeten, die effizient und für uns kostenlos jedes tote Tier und die davon ausgehenden Gefahren beseitigt. Die Erholung der europäischen Geierpopulationen ist aber auch eine der seltenen Erfolgsgeschichten des Naturschutzes der vergangenen Jahrzehnte. Sind wir bereit, all dies zu verlieren wegen eines Medikaments, das wir leicht ersetzen können? Diclofenac nach den neuen Erkenntnissen nicht zu verbieten, würde ein völlig falsches Signal senden.

© SZ
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