Hirnforschung Entscheidung über die eigene Entwicklung

Manchmal betrachten Psychiater und Richter die dissoziale Persönlichkeitsstörung als "andere seelische Abartigkeit" nach § 20 StGB, die eine Schuldunfähigkeit begründen kann. Doch seit einigen Jahren werden die Betroffenen immer häufiger für ihre Taten verantwortlich gemacht - dann, wenn sie nicht an einer eindeutig feststellbaren hirnorganischen Störung oder einer Geisteskrankheit leiden oder während der Tat nicht die Kontrolle verloren haben, wie es etwa unter Drogeneinfluss passieren kann.

Die Hand auf der Schulter

Ihre Steuerungsfähigkeit gilt als nicht beeinträchtigt. Was Steuerungsfähigkeit meint, macht der forensische Psychiater Norbert Nedopil von der Uni München an einem einfachen Beispiel deutlich: "Was tut jemand, der einen Mord begehen will, wenn ihm ein Polizist die Hand auf die Schulter legt? Der Schizophrene, der die Stimme Gottes hört, verfügt nicht über eine ausreichende Steuerungsfähigkeit und tötet vielleicht trotzdem. Der Dissoziale tut es aber so gut wie nie."

Wenn ein solcher Mensch ein Verbrechen begeht, weil die Situation günstig ist, sei er schuldig, erklärt Henning Saß von der Psychiatrischen Uniklinik Aachen. Man müsse deshalb immer untersuchen, wie krankheitsnah die Symptome des Betroffenen sind, und wie weit er davon entfernt war, sich zurückhalten zu können.

Ähnlich sieht es Paul Hoff vom Psychiatrischen Uniklinikum Zürich: "Erst wenn zum dissozialen Verhalten weitere psychopathologische Momente wie verminderte Impulskontrolle, affektive Instabilität, labiles Selbstwertgefühl oder depressive Verstimmungen dazukommen, muss geprüft werden, ob in der Summe eine forensisch relevante Einschränkung der Steuerungsfähigkeit festzustellen ist."

Das Gesetz versuche ja gerade jene Menschen vor Strafe zu schützen, deren Einsichts- und Steuerungsfähigkeit gestört sei, stimmt die Psychiaterin Sabine Herpertz von der Universität Heidelberg zu. "Menschen mit dissozialer Persönlichkeit haben jedoch meist die Wahl."

Der Bundesgerichtshof geht sogar noch viel weiter. Er folgt der Einschätzung des früheren Leiters der Heidelberger Psychiatrischen Uniklinik, Werner Janzarik. Demnach kann sogar "die Verantwortung dafür, wie einer geworden ist, ihm nicht abgenommen werden, solange eigene Entscheidungen den Weg dahin wesentlich mitgestaltet haben".

Gerichtsgutachter Kröber sieht das genauso: "Wenn antisoziale Persönlichkeiten ebenso wie andere Menschen sozialen Einflüssen und Lernprozessen unterliegen, handeln sie in dieser Sicht als rationale und kompetente Bürger".

Dass ihre speziellen psychischen Stärken und Schwächen möglicherweise eine Neigung bedingen, rechtliche Grenzen zu überschreiten, ist in dieser Sicht nicht anders zu behandeln als die Tatsache, dass besondere Schwächen und Stärken eines Menschen ihn etwa für die Laufbahn eines Psychiaters oder Juristen prädestinieren. Die Betroffenen hätten demnach selbst eine Entscheidung gegen ein normkonformes Leben getroffen.

"Wir entwickeln eigene Präferenzen und Motive und fällen auf dieser Grundlage eigene Entscheidungen", bestätigt Henning Saß. Der Gerichtsgutachter hält schon Kinder für fähig, diese Entwicklung mitzugestalten - selbst unter den schwierigen Bedingungen einer dissozialen Lebenswelt.

"Menschen sind in der Lage, Wege zu entwickeln, um Charakterschwächen zu kompensieren", sagt auch die Psychiaterin Sabine Herpertz von der Universität Heidelberg. "Und Personen mit dissozialer Persönlichkeit sind ja meist schon als Kinder durch delinquentes Verhalten aufgefallen und haben negative Rückmeldungen erhalten. Sie haben die Verantwortung, darauf zu reagieren."

Das mag von ihnen mehr Mühe erfordern als von anderen Menschen, aber wenn ihre Denkfähigkeit nicht gestört ist, ginge das. "Heranwachsende sind sehr wohl in der Lage, sich auch gegen eine gefährdende Peergroup zu entscheiden. Wir sind keine passiven Gefäße, die nur von außen gefüllt werden."

Welche Defekte lassen sich im Gehirn nachweisen, welche nicht? Mehr dazu auf Seite 4.