US-Geheimdienst in der Kritik Mediziner geißeln falsche CIA-Impfkampagne

Mit einer inszenierten Impfkampagne hatte die CIA versucht, an Osama bin Laden heranzukommen. Damit hat der Geheimdienst den Zorn von Gesundheitsexperten auf sich gezogen. Denn in manchen Entwicklungsländern gibt es schon lange den Verdacht, die so notwendigen Impfungen seien in Wahrheit heimliche Versuche des Westens, eigene Interessen durchzusetzen.

Nachdem bekanntgeworden ist, dass die CIA versucht hat, mit Hilfe eines vorgetäuschten Impfprogrammes in Pakistan den Terrorführer Osama bin Laden zu identifizieren, ist die Empörung bei Gesundheitsorganisationen und Impfexperten groß. Die Agenten des US-Geheimdienstes hatten gehofft, über das Erbgut der mutmaßlichen Kinder Bin Ladens festzustellen, ob es sich bei einem Verdächtigen in der Stadt Abbottabad tatsächlich um den Terrorführer handelte.

Polio-Impfungen in einem pakistanischen Flüchtlingslager an der Grenze zu Afghanistan. Mancherorts misstraut die Bevölkerung solchen vom Westen initiierten oder unterstützten Maßnahmen. Eine Aktion wie die der CIA in Abbottabad könnte die Vorurteile bestärken, befürchten Gesundheitsexperten.

(Foto: DPA)

Wie das Wissenschaftsmagazin Science auf seiner Homepage nun berichtet, befürchten einige Gesundheitsexperten nun, dass die Aktion den Erfolg von echten Impfprogrammen etwa der Weltgesundheitsorganisation WHO oder von Unicef in den Entwicklungsländern gefährden kann. Dort würden solche Maßnahmen schließlich sowohl in der Bevölkerung als auch bei Regierungen immer wieder auf Vorurteile, Misstrauen und Widerstand gegenüber westlichen Medizinern stoßen.

"Es ist erheblich leichter, das Vertrauen der Leute zu gewinnen, als es zurückzugewinnen, wenn es sie einmal verloren haben", stellt Robert Steinglass von John Snow Inc. fest, einem Forschungs- und Beratungsunternehmen, das für die U.S. Agency for International Development und die Bill & Melinda Gates Foundation arbeitet.

"Es hat in einigen Teilen Pakistans immer schon den Verdacht gegeben, dass der Kampf gegen die Kinderlähmung eigentlich der Versuch des Westens ist, die Fruchtbarkeit der Pakistaner zu beeinflussen, Frauen zu sterilisieren, Aids zu verbreiten - und siehe an!, es stellt sich heraus, dass möglicherweise eine solche Verbindung besteht", beschreibt er die mögliche Reaktion von Teilen der pakistanischen Bevölkerung.

Dass solche Mutmaßungen fatale Folgen haben können, belegt ein Beispiel aus dem Jahre 2007. Damals hatten pakistanische Geistliche das Gerücht verbreitet, die Amerikaner würden mit Hilfe der Polio-Impfung versuchen, Muslime zu sterilisieren. 24.000 Eltern, so berichtet Science, hatten sich deshalb gegen die Maßnahme entschieden. Die Zahl der durch Polio verursachten Todesfälle war deutlich angestiegen. Auch kam es zu Ausschreitungen gegen Helfer und Ambulanzen des Impfprogrammes.

WHO und Unicef versuchen nun, die Verbreitung solcher Gerüchte zu bremsen, erklärte Thomas Cherian, Koordinator des Expanded Programme on Immunization der WHO, dem Magazin. "Die möglichen negativen Folgen könnten nicht nur die Entwicklungsländer, sondern auch die Industriestaaten betreffen", warnte Cherian.

Die beiden großen Organisationen arbeiten nun gemeinsam mit den Behörden in Pakistan daran, der Öffentlichkeit zu vermitteln, wie wichtig Impfungen sind - und sie versuchen, sich auf mögliche Folgen der Berichte über die CIA-Aktion einzustellen. Wie ein Mitarbeiter der WHO erklärte, entwickle man einen Plan, nach dem die Helfer von Impfkampagnen zum Beispiel mit speziellen Dokumenten der Behörden ausgestattet werden könnten. Direkten Einfluss auf bestehende Impfprogramme in Pakistan hatte der Bericht des Guardian bislang noch nicht. Die Programme würden fortgeführt, erklärte ein pakistanischer Gesundheitsbeamter Science.

Grundsätzliche Kritik an der CIA-Aktion übt Paul Offit, Impfspezialist an einem Kinderkrankenhaus in Philadelphia, USA. "Sich hinter einem wundervollen und notwendigen Programm wie einem Impfprogramm zu verstecken, ist abscheulich", erklärte er dem Magazin. "Das ist skrupellos. Der Zweck heiligt nicht immer die Mittel." Dass Kinder im Rahmen des Programmes in Abbottabad tatsächlich geimpft wurden, betrachtet er als irrelevant. Zwar erwartet Offit selbst keine großen Auswirkungen auf die Impfbereitschaft. Aber das sei keine Entschuldigung für einen Betrug.

Die CIA-Agenten hatten offenbar einen Amtsarzt bewegt, im März 2011 Helfer mit dem Auftrag in die Stadt zu schicken, den Menschen eine kostenlose Impfung gegen Hepatitis B anzubieten. Um die Aktion glaubwürdiger zu machen, habe der Beamte sogar eine Ambulanz in einem Armenviertel eingerichtet, berichtete der britische Guardian.

Nach dem die Impfkampagne begonnen hatte, war die Ambulanz in die Nähe des Gebäudekomplexes umgesiedelt worden, in dem Bin Laden mit seiner Familie wohnte. Mit Abhörgeräten ausgestatteten Krankenschwestern sei es sogar gelungen, die Anlage zu betreten - ob sie allerdings wie erhofft an Erbmaterial gekommen waren, ist unklar. Anfang Mai stürmten US-Soldaten das Anwesen des Al-Qaida-Chefs und töteten ihn.