Geburtshilfe:Unfug im Kreißsaal

Einläufe, Öffnung der Fruchtblase, Wehenschreiber im Dauereinsatz - viele medizinische Prozeduren rund um die Geburt sind fragwürdig und völlig überflüssig.

Wiebke Rögener

Kommen die Wehen in immer kürzerer Folge, muss sich die Schwangere entschließen. Ist noch Zeit, um zu Hause abzuwarten, oder sollte man lieber gleich ins Krankenhaus fahren? Einmal dort eingetroffen, ist es mit der Entscheidungsfreiheit oft vorbei.

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Unnötige Prozeduren: Viele Eingriffe vor der Geburt sind laut Studien fragwürdig.

(Foto: Foto: dpa)

Die Gebärende bekommt womöglich als Erstes einen Einlauf und wird an den Wehenschreiber angeschlossen. Geht es nicht zügig voran mit der Geburt, wird häufig die Fruchtblase eröffnet oder der Wehentropf zur Beschleunigung eingesetzt.

Steigern sich bei einer so forcierten Geburt die Schmerzen ins Unerträgliche, folgt eine Periduralanästhesie, die sogenannte Rückenmarksnarkose. Etliche Frauen sagen hinterher: "Es ist alles so gelaufen, wie ich es nicht wollte."

Dabei sind manche medizinische Prozeduren rund um die Geburt nicht nur unangenehm, sondern überflüssig. So widerlegte jetzt eine Auswertung von drei Studien die Mär, ein Einlauf zur Entleerung des Darms trage zur Erleichterung der Geburt bei (Cochrane Database of Systematic Reviews, Bd. 4). Weder verkürzt er die Wehendauer, noch gab es weniger Infektionen bei Müttern oder Neugeborenen als nach Geburten, bei denen aufs Klistier verzichtet wurde.

In sehr seltenen Fällen kann es sogar zur Durchlöcherung des Darms mit anschließender Blutvergiftung kommen. "Bei uns werden Einläufe nur in speziellen Fällen gemacht - wenn der Darm sehr voll ist, kann das ein Geburtshindernis sein. Dann sind Einläufe sinnvoll, nicht zur Einleitung'', sagt Bernhard Hackelöer, Chef der geburtshilflichen Abteilung an der Asklepios-Klinik Barmbek in Hamburg. Als Routinemaßnahme sei die Prozedur aus der Mode gekommen.

Nicht viel besser steht es um einen anderen Brauch im Kreißsaal: Die Blasensprengung wird zwar traditionell eingesetzt, um die Geburt zu beschleunigen, taugt dazu aber nicht, ergab eine weitere Studienauswertung der Cochrane Collaboration (Cochrane Database of Systematic Reviews, Bd. 4). Platzt die Fruchtblase nicht spätestens mit Beginn der Presswehen, lässt das viele Geburtshelfer nicht ruhen: Die Fruchtblase wird angestochen.

Die Natur richtet nicht alles

Schon 1756 beschrieb der englische Gynäkologe Thomas Denman, dass sich dadurch die Geburt einleiten oder der Ablauf verkürzen ließe. 150 Jahre später wird auch eine biochemische Erklärung für diese vermeintliche Wirkung nachgeliefert: Das Öffnen der Fruchtblase führe zur Ausschüttung der wehenfördernden Hormone Prostaglandin und Oxytozin, so die gängige Erklärung.

Das mag so plausibel sein wie der oft kolportierte Ratschlag, Sex kurz vor der Entbindung sei ein Mittel, die Geburt in Gang zu bringen. Hier werden ebenfalls Prostaglandine - aus der Spermienflüssigkeit - und die Anregung der Oxytozin-Produktion als Auslöser vermutet.

Es gibt jedoch keine Studie, die zuverlässig belegt, dass Sex kurz vor der Niederkunft die Wehen fördert, ergab ein Cochrane-Review schon 2001. Dieses Verfahren der Geburtseinleitung dürfte jedoch auch schwer zu standardisieren sein, merkten die Gutachter an.

Unfug im Kreißsaal

Für die routinemäßige Blasensprengung fand sich jetzt keine bessere Begründung: Die Auswertung von 14 Studien brachte keinen Beleg dafür, dass die Öffnung der Fruchtblase das Kind schneller zur Welt kommen lässt. Auch ging es den Neugeborenen danach nicht besser als denen, die ohne solchen Eingriff geboren wurden. Dagegen gab es Hinweise darauf, dass nach der Blasensprengung häufiger ein Kaiserschnitt nötig wurde.

Erleichterung durch Dammschnitt?

Selten geworden ist die früher übliche Rasur der Schamhaare. Die Vorstellung, sie könne die Zahl der Infektionen nach einem Schnitt oder Riss senken, ließ sich in Studien nicht bestätigen. Zu den Prozeduren, die Gebärende oft erleiden müssen, gehört jedoch weiterhin der Dammschnitt. Er soll Geweberisse verhindern, sei einfacher zu nähen als diese und verursache weniger Schmerzen nach der Geburt, meinen jene, die routinemäßig zum Skalpell greifen. Auch komme es nach einem sauberen Schnitt seltener zur Schädigung des Beckenbodens, zu Inkontinenz oder Störungen des Sexuallebens.

Eine Auswertung von sieben Studien mit 5000 Frauen bestätigte keinen dieser vermuteten Vorteile. Über Schmerzen beim Sex klagten Frauen, die einen Dammschnitt bekamen, sogar häufiger als andere. Höchstens ein Drittel der Schnitte seien im Interesse des Kindes notwendig, Vorteile für die Mütter nicht zu erkennen, so die Autoren einer Übersichtsarbeit 2005.

"Dammschnitte werden in unserer Klinik nach Möglichkeit vermieden'', sagt Hackelöer. "Oft lassen wir bewusst zu, dass der Damm einreißt.'' Die schwersten Risse träten oft gerade nach einem Schnitt auf. Allzu verbreitet scheint diese Einsicht noch nicht zu sein. Bei mehr als einem Drittel aller Geburten werde heute geschnitten, und sogar bei 60 Prozent aller Erstgebärenden, sagt Edith Wolber, Sprecherin des Bundes Deutscher Hebammen.

Angst vor Klagen

"Nur sechs Prozent aller Geburten finden völlig ohne medizinische Interventionen statt'', sagt die Medizinethnologin Wolber. "25 bis 30 Prozent aller Geburten werden eingeleitet." Bernhard Hackelöer hält die hohe Zahl von Eingriffen in den Geburtsverlauf durchaus für gerechtfertigt: "Es ist ein Irrwitz zu glauben, die Natur könne alles zum Besten richten. In den Niederlanden etwa, wo die natürliche Geburt stark propagiert wird, ist die Säuglingssterblichkeit fast doppelt so hoch wie in Deutschland."

Hierzulande überleben etwa fünf von tausend Kindern die Geburt oder die erste Woche danach nicht. Aber auch Angst vor Klagen bestimmt das Handeln von Geburtshelfern. "Bei jeder Entscheidung während der Geburt müssen wir bedenken: Wie würde ein Gutachter das aus der Rückschau beurteilen?'', sagt Hackelöer.

Es gebe jedoch keineswegs nur medizinische und juristische Gründe für die vielen Eingriffe im Kreißsaal, sagt Edith Wolber: "Viele Prozeduren haben auch eine unausgesprochene Bedeutung. Sie schaffen Distanz zwischen der Frau und dem Geburtshelfer und betonen: Du bist die Gebärende, ich bin der Experte. Solche Rituale haben auch etwas mit Unterwerfung der Frauen zu tun."

Andererseits sehen sich immer mehr Kliniken veranlasst, auf die Wünsche von Schwangeren einzugehen. Freundliche Gestaltung der Räume, die Möglichkeit einer Wassergeburt oder ein Gebärstuhl - angesichts abnehmender Geburtenziffern werden Schwangere umworben. "Doch was nützt ein solches buntschillerndes Angebot, wenn die Kliniken nicht genügend Hebammen beschäftigen, die Frauen während der Geburt betreuen?'', gibt Wolber zu bedenken.

Unfug im Kreißsaal

Wo es immer mehr ältere Schwangere oder Frauen mit Übergewicht gibt, sei eine besonders intensive Versorgung wichtig. "Oft soll Technik die mangelnde Betreuung durch Hebammen kompensieren."

Hebammen gesucht

Frauen dürften das kaum als angemessenen Ersatz ansehen. Eine Befragung am Krankenhaus Dritter Orden in München ergab, dass von 250 jungen Müttern 125 die Hebamme als wichtigste Unterstützung bei der Geburt nannten, dann folgte der Partner mit 110 Nennungen und abgeschlagen mit vier Nennungen der Arzt (Die Hebamme, Bd.20, S.44, 2007).

Die bei einem Drittel der Frauen vorgenommene Periduralanästhesie wurde nur von neun Frauen als wichtigste Hilfe angegeben, von sieben aber als ärgster Störfaktor bei der Geburt. Als störend empfinden es viele Frauen auch, wenn sie stundenlang an den Wehenschreiber (CTG) angeschlossen bleiben, der die kindlichen Herztöne und Wehen aufzeichnet. Er werde in Deutschland überaus großzügig eingesetzt, sagt die Pflegewissenschaftlerin Friederike zu Sayn-Wittgenstein von der Fachhochschule Osnabrück.

"Bei der Mehrzahl der Geburten ist die Frau fast ununterbrochen an das CTG angeschlossen, auch wenn alles völlig unauffällig verläuft. Anstatt die Frau zu ermutigen, wechselnde Positionen einzunehmen, wird sie in ihrer Selbständigkeit und Bewegung eingeschränkt." Auch die Arbeit der Geburtshelfer und die gesamten Abläufe im Kreißsaal würden durch diese sehr wörtlich zu nehmende Technik-Fixierung geprägt. Hackelöer beurteilt den Nutzen ebenfalls eher zurückhaltend: "Ein Dauer-CTG bei einer unkompliziert verlaufenden Geburt halte ich nicht für begründet."

Die in der vergangenen Woche vom Britischen National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) auf einer Tagung in London vorgestellten Leitlinien "Für die Betreuung gesunder Mütter und ihrer Babys während der Geburt" erklärten ausdrücklich, der Einsatz des CTG werde bei der Aufnahme von Schwangeren mit niedrigem Risiko nicht empfohlen. Das regelmäßige Abhören der kindlichen Herztöne genüge.

Dagegen sollten alle werdenden Mütter eine kontinuierliche Eins-zu-eins-Betreuung durch eine Hebamme erhalten, sobald die Geburt beginne. Weniger Technik also und mehr Zuwendung. "Damit ist uns Großbritannien eindeutig voraus", sagt Sayn-Wittgenstein. "Dort gibt es den politischen Willen, die physiologisch normalen Geburtsabläufe zu unterstützten - ein tolles Vorbild für Deutschland."

Zu wenige Empfehlungen zur Geburtshilfe

"Das ist illusorisch", meint dagegen Bernhard Hackelöer. "Wir haben bei uns in der Klinik acht Kreißsäle und vier Vorwehenräume, im Nachtdienst aber nur drei Hebammen, anderswo ist es nicht besser." Auch in Großbritannien sei eine Eins-zu-eins-Betreuung mit Sicherheit nicht gewährleistet. "Natürlich wären mehr Hebammen und Geburtshelfer wünschenswert, aber in einer Situation, wo immer noch mehr gespart wird, ist das keine realistische Forderung."

Zu den Maßnahmen, die man eher einschränken sollte, zählt Hackelöer vor allem solche, die eine Geburt aufschieben sollen. "Es hat sich gezeigt, dass es keine Vorteile hat, Schwangere dauerhaft an einen Tropf mit Wehenhemmern zu hängen. Das verzögert zwar die Geburt ein wenig, verbessert aber die Chancen der Kinder nicht'', erklärt er. "Auch die Cerclage, bei der der Muttermund durch ein Band verschlossen wird, um eine vorzeitige Geburt zu verhindern, ist meist sinnlos. Diese beiden Prozeduren werden immer noch zu häufig durchgeführt.''

Fundierte Aussagen dazu, was im Verlauf einer Geburt sinnvoll ist, und wo eher nutzlose medizinische Rituale beginnen, sind indes schwer zu treffen. ,,Es gibt zu wenige Empfehlungen zur Geburtshilfe, die wirklich durch gute Studien abgesichert sind'', sagt Sayn-Wittgenstein. Viele Leitlinien hierzulande beruhten eher auf Expertenmeinungen und nicht auf hochwertigen empirischen Daten.

© SZ vom 25.10.2007
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