Mythen der Welt Jesus aß Gulasch beim letzten Abendmahl

Jesus hat ungarische Wurzeln? Viktor Orbán würdigte einen Archäologen, der das herausfand, mit einer der höchsten staatlichen Auszeichnungen.

(Foto: dpa)

Der Erlöser stammt aus Ungarn - oder doch von der Krim? Wenn national gesinnte Wissenschaftler forschen, kommen sie zu absurden Ergebnissen.

Kommentar von Karl-Markus Gauß

Nein, dieses Mal nicht Österreich. Seitdem die türkis-blaue Regierung angetreten ist, mich das Staunen und Schaudern zu lehren, komme ich fast in jedem Artikel, jeder Glosse, kulturkritischen Betrachtung oder persönlichen Reminiszenz wie von selbst auf die österreichischen Verhältnisse und Verhängnisse zu sprechen, oft gegen meine ursprüngliche Absicht.

Freilich habe ich schon viel früher, nämlich noch zu Zeiten, als ein sozialdemokratischer Innenminister den andern darin überbot, sich an die Freiheitliche Partei anzubiedern, einem Hang zum Abkanzeln der österreichischen Politik gefrönt. Die Österreich-Kritik ist ja weniger eine Pflichtübung als die Kür jedes österreichischen Intellektuellen, der auf sich hält, und die Maßlosigkeit, welche Kritik nicht als Fähigkeit zur Unterscheidung, sondern zur Übertrumpfung nimmt, beschert dieser heute manche Schwierigkeit.

Wer, wie ich, schon bald nach Bruno Kreiskys Abgang als Bundeskanzler im Jahr 1983 vor der schleichenden Faschisierung des Landes warnte, der hat es heute, da wir fassungslos erleben, mit welcher Rasanz der Staat umgebaut wird, nicht leicht, die rhetorischen Stellschrauben der Empörung noch einmal anzuziehen. Ich weiß, wovon ich spreche, habe ich mich mit meinen politischen Prognosen der vergangenen 35 Jahre doch so oft geirrt, dass ich mir unweigerlich den Ruf eines unbestechlichen Geistes einhandelte, der die Dinge hellsichtig zu deuten weiß.

Politik Europäische Union Symbolträchtiges Treffen beim Grenzzaun
Ungarn

Symbolträchtiges Treffen beim Grenzzaun

Italiens Innenminister besucht Viktor Orbán und lässt sich von ihm den ungarischen Grenzschutz zeigen. Die beiden brauchen einander für ihre EU-Pläne.   Von Oliver Meiler und Wolfgang Wittl

Heute aber verbiete ich mir, für dieses eine Mal, wirklich jedes Wort über Österreich. Es gibt ja auch noch andere Dinge, die wichtig sind, Jesus zum Beispiel. Um Ostern ist in den Feuilletons häufig auf ein Buch des Mediävisten Johannes Fried hingewiesen worden, der in "Kein Tod auf Golgatha" mit neuen Argumenten die nicht gar so neue These vertritt, dass Jesus zwar gekreuzigt wurde, aber nicht gestorben ist, sondern nur scheintot war, überlebte, gerettet wurde und später als wunderwirkender Heiler durch Ägypten oder Indien wanderte. Dem katholischen Atheisten, der ich bin, behagt diese Hypothese nicht sonderlich, denn wenn Jesus nicht gestorben ist, kann er auch nicht von den Toten auferstanden sein; und was immer man vom Christentum halten mag, selbst einem ungläubig gewordenen Ministranten wie mir liegt der humane Kern dieser Religion doch im Numinosen beschlossen: dass Gottes Sohn Mensch wurde und sein Auferstehen der ganzen Menschheit eine heilsgeschichtliche Wendung gab.

Aber mir geht es gar nicht um die Frage, ob Gott einen Sohn hatte, der gestorben und wieder auferstanden ist, sondern um etwas, dem politisch heute viel größere Dringlichkeit zukommt. Nämlich um die Frage, welche Nationalität Jesus hatte und in welcher Sprache er sich an seine Apostel wandte. Die gängige Lehre besagt, dass er Jude war und Aramäisch sprach, aber dabei handelt es sich um einen Irrtum oder eher um eine mit bösem Vorsatz in die Welt gesetzte Täuschung.

Ein russischer Mathematiker findet heraus: Jesus wurde auf der Krim geboren

Anatoli Fomenko ist einer der vielen, die es besser wissen. Der russische Mathematiker hat an der Lomonossow-Universität in Moskau, an der zahlreiche Nobelpreisträger ausgebildet wurden und gelehrt haben, in einem eigenen Institut Hunderte Computerwissenschaftler, Historiker, Linguisten, Geologen, Archäologen um sich geschart. Was sie beweisen möchten, mit neuesten Methoden und uralten Mythen, ist nichts anderes, als dass tausend Jahre Weltgeschichte im Rahmen des größten Betrugs aller Zeiten nicht einfach verfälscht, sondern schlicht erfunden wurden. Jesus sei in Wahrheit 1053 auf der Krim geboren worden, wo die Bibel auch spiele, ehe sie nach Judäa und Galiläa verlegt wurde. Auf der Krim war es, dass nicht nur das Christentum, sondern das Abendland selbst erfunden und die Weltzivilisation von der russischen Kultur angestoßen wurde. Erst im Lichte dieser Erkenntnis versteht man so recht, warum Russland die Krim, von der alles ausging, unbedingt zurückhaben wollte.

Fomenko bietet Abertausende wissenschaftliche Quellen von der Archäologie bis zur Linguistik auf, die sich auf absolut hirnverbrannte Weise zu einer absolut logischen, völlig geschlossenen Gegen-Geschichte fügen. Die griechische Antike habe es überhaupt nicht gegeben, wie sein Team stichhaltig nachgewiesen hat, das klassische Griechisch war die Geheimsprache von protochristlichen Funktionären, die kurz vor der Geburt des Heilands auf der Krim gelebt hätten ... So etwas wird heute nicht nur in esoterischen Foren des Internet diskutiert, die die Lügen eines seit ewigen Zeiten sich verschwörenden Welt-Establishments durchschauen; mit so etwas erhält man auch noch ein mit enormen Summen finanziertes Institut an der bedeutendsten russischen Universität und den Staatspreis der Russischen Föderation.

Ich persönlich glaube ja, ohne Computerfachmann und Althistoriker, Sprachwissenschaftler und Nationalist zu sein, dass Fomenko irrt. Wesentlich schlüssiger scheinen mir die Thesen des renommierten ungarischen Archäologen Kornél Bakay zu sein, immerhin hat Viktor Orbán sein Schaffen mit einer der höchsten staatlichen Auszeichnungen gewürdigt. Der tapfere Mann, der auf streng wissenschaftliche Weise herausgefunden haben möchte, dass durch die Jahrtausende eine jüdische Weltverschwörung gewirkt habe, hat sich mit zähem Forscherfleiß dem letzten ungeklärten Rätsel des Christentums gewidmet und es endlich auf überraschende, indes bestrickende Weise gelöst.

Jesus Christus war, nun ja, Ungar, genau genommen, ein skythischer Prinz, aber die Skythen waren ja die direkten Vorfahren der Magyaren. Folglich hat sich Jesus mit seinen Aposteln auf Skythisch, also in einer Art von Altmagyarisch unterhalten. Dass sie beim letzten Abendmahl ein herzhaftes Szegediner Gulasch und zur Nachspeise Somlauer Nockerl verzehrt haben, ist zwar nicht überliefert, aber sehr wahrscheinlich.

Wenn Jesus Ungar war, dann war er natürlich auch ein halber Österreicher. Verdammt! Jetzt bin ich doch wieder bei Österreich gelandet, obwohl ich ... Allerdings kann ich mich dabei auf meinen Landsmann Ernst Jandl berufen, der einmal, poetisch wie wissenschaftlich unanfechtbar, geschrieben hat: "Nicht nur Jesus, auch Hitler war Österreicher!"

Kolumne von Karl-Markus Gauß
Gauß

Karl-Markus Gauß, geboren 1954 in Salzburg, ist österreichischer Schriftsteller und Essayist. Er ist Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik" und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Alle Kolumnen von ihm lesen Sie hier.