Fünf Jahre nach "Deepwater Horizon":"Test der Widerstandsfähigkeit des Ökosystems"

"Das ist manchmal frustrierend, wenn Sie eine einfache Antwort wollen und wir Ihnen vermutlich keine geben können", sagte David Mutt von der National Wildlife Federation vor Kurzem den Zuschauern des CBS-Senders in New Orleans. "Da gibt es viele Womöglichs, Wahrscheinlichs und Vielleichts."

Fünf Jahre, so erklären viele Wissenschaftler, seien einfach nicht genug Zeit, um die Umweltfolgen wirklich beurteilen zu können. Dem stimmt auch ein Wissenschaftler zu, der im ersten Moment klingt, als sei er vollkommen auf BP-Linie: "Die Ölpest war ein Test der Widerstandsfähigkeit des Ökosystems, und nach fünf Jahren scheint es ihn bestanden zu haben", sagt Larry McKinney von der Texas A&M University in Corpus Christi. Es sei wie bei einem Gummiband, das nach einer Ausdehnung in die ursprüngliche Form zurückschnappt.

"Aber wenn man es weiterhin bis zum Limit spannt, verliert es seine Elastizität und wird schwächer." Besonders die langlebigen Arten im Golf müssten aufmerksam beobachtet werden: Korallen, Meeresschildkröten, Delfine.

Etwa 1000 tote Delfine an der Küste Louisianas

Doch was dann mit den Daten passiert, zeigen gerade die Untersuchungen an den Delfinen. Eigentlich scheint die Lage klar: Die für die Ozeane zuständige Behörde Noaa hatte 2011 einige Tiere untersucht, und festgestellt, dass die meisten ernste Gesundheitsprobleme hatten: Lungenschäden, Hormonprobleme, Unterernährung, vermutlich alle auf das Öl zurückzuführen.

Zudem sind seit dem Unfall ungefähr 1000 der Meeressäuger tot an der Küste gefunden worden. In Louisiana, wo weite Teile der Küste verölt waren, liege die Rate damit beim Vierfachen früherer Zahlen, stellt die National Wildlife Federation in einem aktuellen Bericht fest.

Ein anderes Forscherteam hat deswegen erst vor Kurzem für die Jahre 2010 bis 2013 ein "ungewöhnliches Sterblichkeits-Ereignis" konstatiert. Doch ihre Statistik weist auch 26 Todesfälle im Jahr 2010 vor der Deepwater Horizon auf. Diese Tiere waren im Lake Pontchartrain nördlich von New Orleans verendet, vermutlich nach dem Einstrom von zu kaltem, frischen Wasser. Und obwohl beim überwiegenden Rest die Zeichen klar auf eine Vergiftung durch Öl deuten, nimmt BP die Studie als Beleg, dass das Delfinsterben ja schon vor dem Unglück begonnen habe.

Weitere Schadenersatz-Forderungen könnten zehn Milliarden Dollar übersteigen

Der Hintergrund des Gerangels sind die bevorstehenden Schadenersatz-Prozesse. BP hat schon 14 Milliarden Dollar für die Aufräumarbeiten bezahlt, und gut fünf Milliarden für Forschung und Wiederherstellungsprojekte. Aber die weiteren Forderungen des Staates können leicht die Zehn-Milliarden-Schwelle überspringen.

Um hier die Chancen vor Gericht nicht zu gefährden, haben Forscher im staatlichen Auftrag die meisten ihrer Daten noch gar nicht veröffentlichen dürfen. Auch das bedeutet, dass die Frage, wie die Umwelt die Ölpest überstanden hat, noch eine Weile aktuell bleibt.

© SZ vom 20.04.2015/mahu
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