Fünf Jahre nach "Deepwater Horizon":Spuren einer Katastrophe

DAMAGE FROM BP OIL SPILL LINGERS A YEAR LATER

Als sich im Mai 2010 eine Explosion unter einer Bohrinsel ereignete, verteilte sich Öl im Golf von Mexiko. Langsam erholt sich die Umwelt dort wieder.

(Foto: Stan Honda/AFP)

Vor fünf Jahren explodierte und sank im Golf von Mexiko eine Bohrplattform. Der Ölkonzern BP behauptet, heute sei alles wieder in Ordnung.

Von Christopher Schrader

Cat Island/Louisiana war einmal ein Paradies für Pelikane. Die 1,6 Hektar große Insel lag in der Barataria Bay, etwas westlich von der Mündung des Mississippi in den Golf von Mexiko. Doch dann explodierte vor genau fünf Jahren das Bohrschiff Deepwater Horizon, und für 87 Tage sprudelte Rohöl aus einer leckgeschlagenen Quelle ins Meer. Plastikbarrieren umgaben damals die Insel, um die Pelikane und ihr Habitat zu retten. Heute sind von ihr nur zwei Sandbänke geblieben. Die Mangroven, die das Land stabilisierten, sind gestorben, und die Erosion hat den Rest erledigt.

Lässt sich die Schuld am Untergang der Insel eindeutig dem Energiekonzern BP zuweisen, der damals die Deepwater Horizon betrieb? Erosion ist seit Langem ein großes Problem am Golf, ausgelöst zum großen Teil durch Küstenschutz und die Begradigung des Mississippi. Vor hundert Jahren soll Cat Island noch 120 Hektar gemessen haben. "Die Insel schrumpfte schon lange, aber die Ölpest hat den Verlust von Land beschleunigt", sagte Eugene Turner von der Louisiana State University zum Magazin National Geographic.

Von dieser Art sind viele der Streitfragen, die zum fünfjährigen Jahrestag der Katastrophe gestellt werden. Die Ursachensuche ist mühsam und führt selten zu eindeutigen Antworten. Die Explosion hatte elf Arbeiter das Leben gekostet, 1750 Kilometer Küste wurden verölt, 1250 davon später aufwendig gereinigt.

BP fürchtet Forderungen nach Schadenersatz

Monatelang beherrschten Bilder von Hubschraubern, Rauchwolken, Unterwasser-Robotern und verölten Pelikanen die Nachrichten. Heute sind sichtbare Zeichen der Ölpest selten geworden. Fischfang und Tourismus sind wieder auf oder sogar über dem Niveau von 2009, viele Tiere sind zurückgekehrt.

BP nimmt das als Zeichen der Entwarnung. "Die Wissenschaft stellt fest, dass die meisten Umweltschäden unmittelbar nach dem Umfall passierten, im Frühling und Sommer 2010", sagt Laura Folse, die für die Reaktion auf die Katastrophe zuständige Vizepräsidentin des Konzerns. "Die Daten weisen nicht auf einen signifikanten Langzeitschaden für irgendeine der Arten am Golf hin."

Mit diesem summarischen Urteil sind viele Forscher nicht einverstanden, können aber auch nicht mit ähnlich klaren Sätzen widersprechen. Das Öl aus der Macondo genannten Bohrung und das Lösemittel, das damals großflächig versprüht wurde, waren an vielen Stellen zwar ein alles überragendes Umweltproblem. Aber nicht an allen Stellen, und nicht das einzige Problem.

Wissenschaftliche Redlichkeit zwingt die Experten dazu, ihre Ergebnisse vorsichtig zu formulieren - außerdem scheut sich BP nicht, Forscher frontal anzugreifen, wenn deren Resultate der Linie des Konzerns widersprechen.

"Test der Widerstandsfähigkeit des Ökosystems"

"Das ist manchmal frustrierend, wenn Sie eine einfache Antwort wollen und wir Ihnen vermutlich keine geben können", sagte David Mutt von der National Wildlife Federation vor Kurzem den Zuschauern des CBS-Senders in New Orleans. "Da gibt es viele Womöglichs, Wahrscheinlichs und Vielleichts."

Fünf Jahre, so erklären viele Wissenschaftler, seien einfach nicht genug Zeit, um die Umweltfolgen wirklich beurteilen zu können. Dem stimmt auch ein Wissenschaftler zu, der im ersten Moment klingt, als sei er vollkommen auf BP-Linie: "Die Ölpest war ein Test der Widerstandsfähigkeit des Ökosystems, und nach fünf Jahren scheint es ihn bestanden zu haben", sagt Larry McKinney von der Texas A&M University in Corpus Christi. Es sei wie bei einem Gummiband, das nach einer Ausdehnung in die ursprüngliche Form zurückschnappt.

"Aber wenn man es weiterhin bis zum Limit spannt, verliert es seine Elastizität und wird schwächer." Besonders die langlebigen Arten im Golf müssten aufmerksam beobachtet werden: Korallen, Meeresschildkröten, Delfine.

Etwa 1000 tote Delfine an der Küste Louisianas

Doch was dann mit den Daten passiert, zeigen gerade die Untersuchungen an den Delfinen. Eigentlich scheint die Lage klar: Die für die Ozeane zuständige Behörde Noaa hatte 2011 einige Tiere untersucht, und festgestellt, dass die meisten ernste Gesundheitsprobleme hatten: Lungenschäden, Hormonprobleme, Unterernährung, vermutlich alle auf das Öl zurückzuführen.

Zudem sind seit dem Unfall ungefähr 1000 der Meeressäuger tot an der Küste gefunden worden. In Louisiana, wo weite Teile der Küste verölt waren, liege die Rate damit beim Vierfachen früherer Zahlen, stellt die National Wildlife Federation in einem aktuellen Bericht fest.

Ein anderes Forscherteam hat deswegen erst vor Kurzem für die Jahre 2010 bis 2013 ein "ungewöhnliches Sterblichkeits-Ereignis" konstatiert. Doch ihre Statistik weist auch 26 Todesfälle im Jahr 2010 vor der Deepwater Horizon auf. Diese Tiere waren im Lake Pontchartrain nördlich von New Orleans verendet, vermutlich nach dem Einstrom von zu kaltem, frischen Wasser. Und obwohl beim überwiegenden Rest die Zeichen klar auf eine Vergiftung durch Öl deuten, nimmt BP die Studie als Beleg, dass das Delfinsterben ja schon vor dem Unglück begonnen habe.

Weitere Schadenersatz-Forderungen könnten zehn Milliarden Dollar übersteigen

Der Hintergrund des Gerangels sind die bevorstehenden Schadenersatz-Prozesse. BP hat schon 14 Milliarden Dollar für die Aufräumarbeiten bezahlt, und gut fünf Milliarden für Forschung und Wiederherstellungsprojekte. Aber die weiteren Forderungen des Staates können leicht die Zehn-Milliarden-Schwelle überspringen.

Um hier die Chancen vor Gericht nicht zu gefährden, haben Forscher im staatlichen Auftrag die meisten ihrer Daten noch gar nicht veröffentlichen dürfen. Auch das bedeutet, dass die Frage, wie die Umwelt die Ölpest überstanden hat, noch eine Weile aktuell bleibt.

© SZ vom 20.04.2015/mahu
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