PsychologieWenn die Welt hart ist, soll der Chef noch härter sein

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Manche Führungskräfte haben zuweilen Mühe, einen zivilisierten Umgangston zu wahren. Erstaunlicherweise wird das nicht immer als Charakterfehler ausgelegt.
Manche Führungskräfte haben zuweilen Mühe, einen zivilisierten Umgangston zu wahren. Erstaunlicherweise wird das nicht immer als Charakterfehler ausgelegt. sinenkiy/IMAGO/Pond5 Images
  • Eine Studie zeigt, dass die Bewertung rücksichtsloser Chefs stark von der Weltsicht der Beurteilenden abhängt.
  • Menschen mit einem konkurrenzgeprägten Weltbild bewerten harsche Führungskräfte als kompetenter und effektiver, während Personen mit kooperativer Weltsicht das Gegenteil annehmen.
  • Die Forschung erklärt widersprüchliche Studienergebnisse zur Bewertung solcher Chefs und zeigt, dass die eigene Vorstellung von Erfolg auf die Beurteilung von Führungskräften übertragen wird.
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Ob Menschen rücksichtslose  Chefs als inkompetent oder als führungsstark bewerten, hängt laut einer Studie vor allem von ihrer Weltsicht ab. Worauf es dabei ankommt.

Von Sebastian Herrmann

Vor nicht allzu langer Zeit drehten E-Mails einer Restaurantleiterin der US-Gastro-Kette Olive Garden ein paar Runden durch das Haifischbecken namens Internet. Die Führungskraft einer Filiale hatte ihre Mitarbeiter darin gemaßregelt, weil sich aus ihrer Sicht zu viele Angestellte vom Dienst abmeldeten. Wer das künftig mache, so ihre Ansage, könne sich gleich einen neuen Job suchen. Man werde keine Ausrede mehr gelten lassen. Wer krank sei, müsse dies belegen. Wessen Hund gerade gestorben sei, der möge den toten Gefährten zum Beweis vorlegen. Und im Fall familiärer Notfälle gelte: Andere Firmen brauchen auch Mitarbeiter! Eine Diskussion über Vier-Tage-Woche oder Work-Life-Balance sollte man mit dieser Vorgesetzten vermutlich meiden.

Klarer Fall, ganz üble Chefin? Das Internet war geteilter Meinung. Die einen bezeichneten die Managerin als ahnungslos und inkompetent, die anderen priesen sie als führungsstark und betrachteten sie als Vorbild. Wie kann das sein? Es kommt auf die Weltsicht der Bewertenden an, wie Christine Nguyen und Daniel Ames von der Columbia University in einer Studie schreiben. Wer die Welt als Dschungel betrachte, in dem sich nur starke, rücksichtslose Menschen durchsetzen, bewerte das Verhalten der Managerin als vorbildlich. Wer hingegen Kooperation und soziales Verhalten als menschliches Fundament betrachte, fälle das gegenteilige Urteil, schreiben Nguyen und Ames im Journal of Personality and Social Psychology: Attitudes and Social Cognition.

Die Forschungsliteratur zur Bewertung antagonistischer, also wenig verträglicher Chefs liefere bisher ein widersprüchliches Bild, schreiben die Forscher. So sind in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Studien veröffentlicht worden, die einander scheinbar widersprechen. Manche Arbeiten legen nahe, dass zugewandte, menschlich warme und gemeinwohlorientierte Führungskräfte als kompetent bewertet werden. Andere Studienergebnisse sprechen für das Gegenteil. Nguyen und Ames bieten nun eine mögliche Lösung, mit der sich dieser Widerspruch auflösen ließe. Menschen übertrügen ihre Vorstellung davon, was in der Welt zu Erfolg verhilft, auf ihre Bewertung von Führungskräften.

Dafür sammelten die Wissenschaftler in mehreren Einzelexperimenten mit insgesamt 2065 Teilnehmern entsprechende Indizien. Die beiden Forscher ermittelten, wie ausgeprägt das konkurrenzgeprägte Weltbild ihrer Probanden war. Dieses korrelierte deutlich mit der Bewertung der Kompetenz antagonistischer Führungskräfte: Je kompetitiver die Probanden auf die Welt blickten, desto positiver bewerteten sie harsche Chefs. Menschlich schwierige Führungskräfte wurden von diesen Probanden auch als effektiver in ihrer Arbeit sowie als intelligenter bewertet als freundliche Manager.

Die Kündigung wurde mit den üblichen Floskeln begründet

Auch in die andere Richtung identifizierten Nguyen und Ames einen Zusammenhang. Probanden mit ausgeprägter Haifischbecken-Weltsicht glaubten, dass erfolgreiche Führungskräfte vor allem mithilfe antagonistischen Verhaltens in diese Position gekommen seien. Sie hielten eine rücksichtslose Form der Mitarbeiterführung also für eine notwendige Voraussetzung, um in eine Leitungsfunktion aufzusteigen und erfolgreich zu führen. Studienteilnehmer mit einem freundlicheren Menschenbild kamen in allen Punkten zum gegenteiligen Schluss.

Das Unternehmen hinter Olive Garden, das weltweit mehr als 800 Restaurants betreibt und einen Jahresumsatz von fast vier Milliarden US-Dollar erwirtschaftet, trennte sich im Übrigen infolge des Internet-Wirbels von der Managerin. Das begründete die Firma mit den üblichen Floskeln: Das Verhalten passe nicht zu den Werten des Unternehmens, man bemühe sich um ein achtsames, respektvolles Arbeitsklima und so weiter. Unter dem Druck öffentlicher Aufregung eine Mitarbeiterin zu feuern, lässt sich jedoch ebenfalls als hartes, antagonistisches Verhalten interpretieren. Vermutlich kam der Applaus diesmal aber aus der anderen weltanschaulichen Ecke.

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