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Klimakolumne:Es lebe der Möglichkeitssinn

Fridays for Future Demo 'Wieder zusammen fürs Klima!·

"Wieder zusammen fürs Klima", lautet das Motto der Fridays-for-Future-Demonstrationen am 18. Juni, hier in Hamburg.

(Foto: Ulrich Perrey/dpa)

Am Freitag sind wieder Menschen für das Klima auf die Straße gegangen. Die anfänglichen Schulpflicht-Diskussionen erscheinen nach den Erfahrungen der Pandemie geradezu lächerlich. Denn diese Zeit hat den Sinn für das Mögliche geschärft.

Von Dirk von Gehlen

Zwei Wochen noch, dann feiert Greta Thunberg ein rundes Jubiläum. In zwei Wochen wird sie zum 150. Mal das "Skolstrejk för Klimatet"-Schild in die Kameras halten. Freitags nicht zur Schule gehen, um auf die Dringlichkeit der Klimakatastrophe hinzuweisen - vor drei Jahren brachte diese Entscheidung weltweite Aufmerksamkeit und bescherte Deutschland zahlreiche Nachahmer, sowie eine im Rückblick merkwürdig anmutende Diskussion über die Schulpflicht. Denn seit zwei Wochen erst findet zum Beispiel in Bayern wieder eine Form von Unterricht in der Schule statt, die man im Sommer 2018 für normal hielt. Der Umgang mit der Naturkatastrophe Corona beförderte bis auf oberste Kultusminister- und Lehrervertreter-Ebene die Erkenntnis: Es kann durchaus sinnvoll und notwendig sein, mit Gewohnheiten zu brechen, neue Lösungen zu suchen und deshalb etwa mal nicht in die Schule zu gehen.

Mit dem Wissen um derlei Notwendigkeiten verhält es sich wie mit dem Kochen von Eiern: Man kann es nicht rückgängig machen. So wie man ein hartgekochtes Ei nicht in seinen Ursprungs-Zustand zurückversetzen kann, wird man auch die Erfahrung nicht löschen können, dass es im Umgang mit den Risiken einer Naturkatastrophe notwendig sein kann, Gewohnheiten zu brechen. Die Generation der Schülerinnen und Schüler, die im vergangenen Jahr nicht nur freitags staatlich verordnet auf den Schulbesuch verzichtet hat, hat dies prägend selbst erlebt. Diese Generation wird genau solche Veränderungen von Gewohnheiten bei folgenden Katastrophen auch von anderen verlangen.

Das hat sie schon vor 150 Wochen getan und sie wird es in Zukunft noch lauter und deutlicher tun - mit der eigenen Erfahrung als Beleg für die Machbarkeit von Veränderung. Denn genau hier verläuft die Grenze des Generationenkonflikts, der nach Corona sehr deutlich sichtbar werden wird: zwischen jenen, die Gewohnheiten für eine bessere, nachhaltige Welt brechen wollen und jenen, die sich über derlei Gewohnheiten definieren und sie deshalb als verteidigungswürdig ansehen. Mit dem Flugzeug in den Urlaub reisen, Fleisch auf den Grill legen oder sehr schnell mit dem eigenen Auto in die Stadt fahren - das galt lange als Gewohnheit in Deutschland. Heute könnte man allein an diesen drei Tätigkeiten eine eher hitzige Diskussion starten, was zumindest dies zeigt: Es ist keineswegs mehr für alle eine Gewohnheit - wie eine Studie der Uni Münster gerade gezeigt hat.

Dass die Diskussion über Gewohnheiten vermutlich unumgänglich ist, wurde am Beginn dieser Woche deutlich, als die Bundesregierung die so genannte KWRA vorstellte. Das steht für Klimawirkungs- und Risikoanalyse, und diese ist ähnlich deprimierend wie die Lektüre von Inzidenzzahlen mitten in der dritten Welle: denn sie zeigt, dass die andere Naturkatastrophe die Gesellschaft ähnlich fordern wird wie Corona. "Es wird sie nicht geben: die Region, die nichts vom Klimawandel spürt", fasst mein Kollege Michael Bauchmüller die KWRA in der SZ zusammen. "Deutschland von Extremwetter bedroht", schreibt die Tagesschau. Man muss schon sehr desinteressiert an der Zukunft sein, um die Bedrohung nicht zu sehen.

Manche Menschen empfinden deshalb so genannte "Klimaangst". Meine Kollegin Vera Schroeder hat dazu zahlreiche Interviews mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für die Wochenende-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung geführt, die ich Ihnen empfehle. Denn auch diese Gespräche bestärken bei mir ein Gefühl der Hoffnung. Und zwar vor allem wegen der Generation, die jetzt endlich wieder zur Schule gehen kann - und heute auch wieder für besseren Klimaschutz demonstriert hat.

Statt über die Lernrückstände zu sprechen, die durch Corona entstanden sein könnten, könnte man ja auch darüber sprechen, was die Schülerinnen und Schüler gelernt haben. Vielleicht passt dafür am besten der Begriff Möglichkeitssinn. Also das Gespür dafür, dass eine andere Welt möglich ist, dass das eigene Handeln Einfluss auf die Zukunft hat und dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Daran werde ich denken, wenn in zwei Wochen Jubiläums-Texte über Greta Thunberg erscheinen.

Ich wünsche Ihnen mehr Möglichkeitssinn.

© SZ/weis
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