Fremdenfeindlichkeit "Nur wer das Richtige glaubt oder trägt, gehört dazu"

"Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass wir in der modernen Welt mühsam erreichen, was zu prähistorischen Zeiten keine gelebte Praxis war: anderen Menschen neutral zu begegnen", erklärt der Bioethiker und Verhaltensökologe von der Universität Gießen. "Andere waren entweder Freund oder potentieller Feind. Außerdem haben unsere Vorfahren nicht wie wir in großen Gesellschaften gelebt, sondern in Kleingruppen, die zueinander in Konkurrenz um bessere Lebensmöglichkeiten, um begrenzte Ressourcen standen."

In dieser Zeit, so Voland, habe der Mensch die Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen, so weit entwickelt, dass er gar nicht mehr anders kann, als es ständig zu tun. "Wir können lernen, Unterschiede gemäßigt zu interpretieren. Aber wir können sie nicht übersehen." Zumal die Menschen auch noch über eine ganze Reihe von Signalen verfügen, die sich zwar von Kultur zu Kultur unterscheiden, aber nur die Aufgabe haben, die Festlegung "fremd" oder "einer von uns" zu erleichtern.

"Das geht los mit Fragen des Outfits", erklärt der Biologe. "Ganz entscheidend ist auch die sprachliche Unterscheidung. Wir haben zum Beispiel eine ungeheure Ausdifferenzierung der Sprache in Dialekte, die nicht wirklich funktional erscheint - außer man möchte gleich erkennen, ob jemand aus Ober- oder aus Unterammergau kommt."

Weitere Kennzeichen können Merkmale ethnischer, nationaler, regionaler und - wie Kopftuch und Burka - religiöser Zugehörigkeit sein, aber auch Vereinsfarben oder Symbole verschiedenster Subkulturen von Jugendlichen. "Nur wer das Richtige glaubt oder trägt, gehört dazu." Das, so weiß ich aufgrund eigener Erfahrungen, fängt schon in der Schule an. Und man findet es sogar zwischen Wissenschaftlern mit unterschiedlicher Denktradition, erklärt mit Voland. "Solche Gruppen können auch spontan entstehen, schon bei Menschen, die sich in einem Fahrstuhl begegnen."

Das erinnert mich an ein Beispiel der Sozialpsychologin Beate Küpper: "Sogar die willkürliche Einteilung von Menschen in einem Seminarraum in Zitronen und Apfelsinen führt dazu, dass die Beteiligten eine Gruppenidentität entwickeln und das jeweils andere Obst nicht mehr so mögen."

Warum aber unterscheiden wir gleich nach dem Freund-Feind-Schema? "Diese Festlegung wird natürlich immer wieder neu ausgelotet und neu verhandelt, je nach Lebenssituation", erklärt mir der Soziobiologe. Aber evolutionär gesehen war es ein Vorteil, Fremde eher zu Unrecht als gefährlich zu betrachten, als das Risiko zu unterschätzen. Das leuchtet ein: Auf der Hut zu sein, kostet Nerven, aber Vertrauensseligkeit kann das Leben kosten. Deshalb nehmen wir eine potentielle Bedrohung besonders intensiv - sogar übertrieben - wahr. Fachleute sprechen auch vom "Rauchmelderprinzip".

"Diese Strategie wenden wir ständig an, und meist ohne schlimme Folgen. Aber sie führt uns eben immer wieder in die Irre", stellt Voland fest. "Es sind eben nicht die Burkaträgerinnen, die Gewalt ausüben. Es geht um die Bewertung, nicht die Wahrnehmung von Unterschieden."

Wieso aber war es für uns Menschen offenbar so bedeutsam, eine Gruppenidentität oder gar eine Gruppenmoral zu entwickeln? "Die Unterscheidung zwischen 'fremd' und 'vertraut' ist evolutionär gesehen wichtig", erklärt Voland. "Kooperation hat eine große Bedeutung für Menschen." Sie kann das Leben erleichtern und bietet Vorteile gegenüber anderen, die nicht kooperieren. "Aber sie entsteht nicht spontan. Die Beteiligten müssen sich vertrauen können. Das lernen sie normalerweise über eine Reihe von Interaktionen." Und die gibt es eher innerhalb einer Gruppe. Deshalb vertrauen wir eher Angehörigen unserer Gruppe. "Bei der Wahrnehmung von Fremden dagegen gehört das Misstrauen gewissermaßen grundsätzlich dazu."

Da Gruppen häufig zu groß sind, als dass alle persönliche Erfahrungen miteinander gemacht haben, kann die Zugehörigkeit auch über Symbole oder Verhaltensweisen demonstriert werden. Das also soll die Burka mir demonstrieren: Die Frau darunter nimmt ihren Glauben sehr ernst, und andere Gläubige können ihr als Mitglieder der gleichen Gruppe vertrauen. Die Trägerin betont aber - ob sie das nun will oder nicht: Ich als Nichtmuslim gehöre nicht zu dieser Gruppe.