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Freiheit der Wissenschaft:Präsident Trump und die möglichen Folgen für die Forschung

Nackte Beschwörung: Eine Demonstrantin wehrt sich vor dem Trump Tower in New York gegen die postfaktische Weltanschauung Donald Trumps.

(Foto: AFP)

Der Klimawandel, eine Erfindung der Chinesen? Ein Öllobbyist als Chef der Umweltbehörde? Wissenschaftler fürchten harte Zeiten. Vor seinem Vize haben manche mehr Furcht als vor Trump selbst.

Von SZ-Autoren

Für Wissenschaftler waren republikanische US-Präsidenten häufig ein Hemmnis. Ronald Reagan zum Beispiel soll sich zum Kreationismus bekannt und die Evolutionstheorie abgelehnt haben. Mit Schaudern erinnern sich Forscher an Angriffe und Eingriffe der von George W. Bush geführten Regierung. Da wurden wissenschaftliche Berichte, zum Beispiel über den Zustand der Arktis, umgeschrieben, beschnitten und einzelne Wissenschaftler massiv unter Druck gesetzt.

Für analytisch denkende Menschen ist es ein Mysterium, wie ein physikalisches Thema wie die globale Erwärmung ein umkämpftes politisches werden konnte, als gehe es um eine Glaubensfrage. Der Klimawandel ist vielleicht eines der leuchtendsten Beispiele dafür, wie im vermeintlich aufgeklärten 21. Jahrhundert auf bedrohliche Weise jenseits von Fakten und Empirie polarisiert und agiert wird. Was genau die amerikanischen Wissenschaftler, nicht nur Klimatologen, nun von der Regierung Trump erwarten dürfen, ist - wie so vieles - noch vage. Aber so manche Aussage des künftigen Präsidenten und so manche sich abzeichnende Personalentscheidung machen wenig Mut.

Klimaforschung: Wissenschaftler in heller Panik

"Die gefährlichste Organisation der Geschichte" hat der amerikanische Linguist Noam Chomsky die Republikanische Partei nach Donald Trumps Wahlsieg genannt - und zwar wegen der Haltung von Trump und vieler seiner Parteifreunde zum Klimawandel: "Die Partei ist entschlossen, so schnell wie möglich auf die Zerstörung des organisierten menschlichen Lebens zuzurasen. Das ist beispiellos." Tatsächlich erklärt Trump seit Jahren, dass das mit dem Klimawandel noch längst nicht so klar sei. "Eine Erfindung der Chinesen" hat er die globale Erwärmung 2012 in einem Tweet genannt. Auch sein designierter Vize Mike Pence leugnet die globale Erwärmung. Als die Forschungs-Initiative ScienceDebate die Kandidaten nach ihrer Haltung zum Klimawandel fragte, antwortete Trump vage, da gebe es noch viel zu erforschen, und vielleicht solle man sich erst einmal um sauberes Trinkwasser für alle Menschen kümmern. Im Wahlkampf erklärte er, den Klimavertrag von Paris aufzukündigen.

Man darf stark bezweifeln, dass Klimaforscher in den USA nun mehr Fördergeld erhalten. Auch in der Wetter- und Klimabehörde NOAA dürften die Prioritäten sich eher auf andere Themen verlegen. In heller Panik sind Klima-Wissenschaftler seit Trumps Wahl aber vor allem wegen der zu erwartenden politischen Entscheidungen. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters lässt Trump nun bereits nach einer Möglichkeit suchen, den Klimavertrag von Paris aufzukündigen und die vierjährige Ausstiegsfrist zu umgehen.

"Wenn jemand Belege einfach leugnet, dann müssen wir die Stimme erheben"

Zudem ist Myron Ebell, ein prominenter und entschiedener Leugner des Klimawandels, in Trumps Übergangsteam mit der Neuausrichtung der Umweltbehörde Epa beauftragt worden. Die ironischerweise unter dem Republikaner Nixon gegründete Behörde war unter Präsident Obama stark für strengere Klima-Vorschriften eingetreten. Der "Clean Power Plan" der Epa, über dessen Rechtmäßigkeit US-Gerichte noch verhandeln, hätte das Aus für viele Kohlekraftwerke bedeutet - unter Ebell dürfte es dazu nicht kommen. Die Zeitschrift Nature nannte den Nicht-Wissenschaftler eine "Abrissbirne" für Obamas Klimapolitik.

"Wir haben eine große Verantwortung, vielleicht größer denn je, darauf zu bestehen, dass öffentliche Entscheidungen auf guter Wissenschaft basieren", sagt Rush Holt, der die American Association for the Advancement of Science leitet, die größte Wissenschaftsvereinigung der Welt. Holt ist Physiker und saß bis 2015 selbst im US-Repräsentantenhaus. Noch wisse niemand, was genau Trump vorhabe. Aber die Tatsache, dass der Klimaskeptiker Myron Ebell Teil von Trumps Übergangsteam ist, sei kein gutes Zeichen. "Wenn jemand vorhandene Belege einfach leugnet, dann müssen wir unsere Stimme erheben und, wenn nötig, dagegen kämpfen", sagt Holt.

Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Physik-Nobelpreisträger das Energieministerium leitet, so wie Steven Chu, den Obama 2008 in sein Kabinett holte. In der Energiepolitik geht es Trump vor allem darum, Amerika unabhängig zu machen. Dafür sind ihm zwar neben Fracking und Atomkraftwerken auch Windkraft, Solar- und Bioenergie recht, aber von der Förderung erneuerbarer Energien hält er nichts. In seinem Wahlkampf-Buch "Crippled America" schreibt er, die Öko-Energien seien "eine teure Methode, um Baum-Umarmer zufriedenzustellen".

"Rauchen tötet nicht"

Medizin: Warten und Beten gegen HIV

In Atlanta ist der Schock greifbar. Hier sitzt die US-Seuchenschutzbehörde CDC, die unter anderem für Impfempfehlungen und die Bekämpfung von Infektionskrankheiten zuständig ist. Die Mitarbeiter müssen sich nun auf einen Präsidenten einstellen, der mehrmals behauptet hat, Impfstoffe seien gefährlich, und während des Ebola-Ausbruchs in Westafrika forderte, infizierte US-Helfer nicht wieder ins Land zu lassen. Die Stimmung sei katastrophal, berichteten Mitarbeiter einem Radiosender, Menschen heulten auf den Fluren.

Würde Trump tief in die Arbeit der Behörde eingreifen, könnten die Auswirkungen weit über die USA hinausreichen. Die CDC gibt jährlich 2,6 Milliarden Dollar für die globale Seuchenkontrolle aus und beschäftigt dazu 2000 Mitarbeiter in 60 Ländern. Trump hatte bereits erkennen lassen, dass dieses Engagement nicht seine größte Priorität genießt: Forschung und öffentliche Gesundheit müssten angesichts begrenzter Ressourcen gegen andere Forderungen abgewogen werden.

Fünf verschiedene Positionen in drei Tagen

Peter Hotez, Impfstoff-Forscher am Baylor College of Medicine in Houston, Texas macht vor allem Trumps Haltung zu Impfstoffen Sorge. "Wenn er als Präsident bei seiner Kritik an Impfstoffen bleibt, dann wäre das nicht nur für die USA eine Katastrophe. Es würde vermutlich auf die ganze Welt ausstrahlen und unsere Fortschritte im Kampf gegen viele Krankheiten auslöschen." Doch Hotez hofft, dass Trump zu pragmatisch ist, um sich in solchen Themen zu verkämpfen. "Wenn er einen Krieg gegen Wissenschaftler anzettelt, dann wird er den nicht gewinnen."

Auch Trumps künftiger Vize Mike Pence macht viele nervös. Vor Jahren behauptete er auf seiner Website, "Rauchen tötet nicht": Schließlich würden von drei Rauchern zwei nicht an Raucher-Krankheiten sterben. Ebenso unklar ist, wie es mit dem Kampf gegen Aids weitergeht. Als Pence Gouverneur in Indiana war, begegnete er steigenden HIV-Infektionen zunächst mit Warten und Beten. Die Einstellungen zu der Immunschwächekrankheit könnten ebenfalls globale Konsequenzen haben: Über das Programm Pepfar finanzieren die USA derzeit die Hälfte aller HIV-Behandlungen dieser Welt.

Volten legte Trump als Kandidat auch beim Thema Abtreibungen hin. Die Washington Post dokumentierte, wie er innerhalb von drei Tagen fünf verschiedene Positionen einnahm. Darunter auch die Androhung von Strafen für betroffene Frauen und Ärzte.

Umwelt: Republikaner gegen "radikale Umweltschützer"

Wie in vielen anderen Bereichen setzt Trump in der Umweltpolitik auf den Rückzug des Staates. Der Republikaner hält viele Vorgaben der EPA, der Umweltbehörde der USA, für überflüssig. "Was sie machen, ist eine Zumutung", sagte Trump im Interview mit Fox News. "Jede Woche erlassen sie neue Vorschriften." Der Umwelt werde es auch so gutgehen. Deutlicher werden Trumps Parteifreunde. "Die Umwelt ist zu wichtig, um sie radikalen Umweltschützern zu überlassen", heißt es im republikanischen Programm für den Kongress, wo die Republikaner nun in beiden Kammern die Mehrheit stellen.

Der "moderne Ansatz für Umweltschutz" bestehe darin, die Verantwortung für die Umweltgesetzgebung auf Bundesstaaten oder Landkreise zu verlagern. Die EPA soll als Organ für landesweite Umweltstandards weitgehend entmachtet, die Rechte von Umweltaktivisten vor Gericht sollen beschnitten werden.

Wie im Prinzip alles in der Umweltpolitik soll sich der Schutz bedrohter Tierarten der wirtschaftlichen Entwicklung und der Schaffung von Arbeitsplätzen unterordnen. Wenn es eine Tierart in einem anderen Land oder Bundesstaat in ausreichender Zahl gebe, müsse diese nicht gesetzlich geschützt werden. Als Beispiele werden der Wolf oder das kleine Präriehuhn genannt, das längst als gefährdet gilt. Insgesamt würden Umweltprobleme am besten durch technischen Fortschritt gelöst, schreiben die Republikaner, nicht durch von oben erlassene Vorschriften.

Vor Mike Pence mehr Furcht als vor Trump

Biologie: Der Schöpfer ist am Werk

Es gibt seit dem Ende der Wahlnacht viele Wissenschaftler, die sich mehr vor Mike Pence fürchten als vor Donald Trump. Dazu gehören zweifellos auch Biologen. Trumps Vizepräsident ist ein radikaler Leugner der Evolution. Charles Darwins Jahrtausendwerk, ohne dessen Fundament weder die heutige Mikrobiologie noch Genetik noch Biomedizin denkbar sind, ist Pence zufolge nur eine Theorie, für die er keine Belege sieht und neben der gleichberechtigt auch der kreationistische Ansatz des "Intelligent Design" zu stehen habe. Demnach ist bei jeder Entstehung einer neuen Spezies ein Schöpfer am Werk.

Im Repräsentantenhaus hat Pence zu diesem Thema flammende Reden gehalten, als Gouverneur wollte er Intelligent Design in den Lehrplänen Indianas festschreiben. Hinzu kommt, dass Trump dem ausgeschiedenen Präsidentschafts-Mitbewerber Ben Carson eine wichtige politische Rolle zugesagt hat. Der Neurochirurg Carson ist nicht nur Kreationist, er gehört auch der Young-Earth-Bewegung an, die behauptet, die Erde sei als Ganzes vor 10 000 Jahren von Gott erschaffen worden.

Geisteswissenschaften: "Gefährlicher Cocktail"

"Der Effekt wird dramatisch sein", sagt John Krige, Wissenschaftshistoriker an der George School of Technology. "Das wird nicht heute oder morgen sichtbar sein, aber längerfristig." Natürlich wisse niemand, was genau passieren werde, aber die Republikanische Partei wolle staatliche Ausgaben reduzieren. Außerdem habe Trump die antielitäre Stimmung im Land befeuert.

"Kombinieren Sie das und geben Sie noch Fremdenfeindlichkeit hinzu und Sie haben einen gefährlichen Cocktail für die Zukunft staatlicher Forschungsförderung." Die Geisteswissenschaften könnten besonders hart getroffen werden, fürchtet Krige. "Wenn sich der Staat zurückzieht, hat nur noch Forschung eine Chance, die für die Wirtschaft interessant ist." Das sei bei Geschichts- oder Literaturwissenschaften kaum der Fall. Außerdem gelten Republikanern viele Bereiche geisteswissenschaftlicher Forschung als von linker Ideologie getrieben.

Raumfahrt: Nasa in den Tiefen des Alls

Mächtige Männer lieben große Gesten und bedeutende Vermächtnisse. Mit Neid hat wohl jeder US-Präsident seit John F. Kennedy auf dessen erfolgreiche Mondflug-Initiative geblickt. George W. Bush zum Beispiel kündigte ausgiebige Mond- und Marsflüge an. Derart ausschweifende Pläne beflügeln auch Donald Trump, der dabei eine stärkere Beteiligung privater Unternehmen wünscht.

Gleichzeitig möchte er die Nasa von der "Beschränkung befreien", sich um den erdnahen Weltraum zu kümmern. "Die Nasa soll sich primär auf Aktivitäten in den Tiefen des Alls fokussieren, statt auf erdzentrierte Aufgaben", sagte Trump im Oktober. Die Erdbeobachtung aus dem All, ein wesentlicher Pfeiler der Erforschung von Klimafragen, dem Anstieg des Meeresspiegels, der Biosphäre und der planetaren Ökologie dürfte es in den kommenden Jahren deutlich schwerer haben.

© SZ vom 17.11.2016/beu/kaik/pai/weis/zint/fehu

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