Frankreich "Ein Betreiber, der wie ein Hasardeur agiert"

Eigentlich sollte es immer noch möglich sein, die Steuerstäbe, manövrierfähig oder nicht, in den Reaktorkern fallen zu lassen und so abzuschalten; eine vorgeschriebene Schutzvorkehrung. Ob das möglich gewesen wäre, ist unklar: Die Atomaufsicht erkundigt sich in ihrem Brief, ob das System einsatzfähig war oder nicht. Ob und wie man darauf reagiert hat, oder wie es allgemein um die Sicherheit von Fessenheim bestellt ist, war jedoch auf Anfrage weder bei der ASN noch bei Électricité de France (EDF) in Erfahrung zu bringen, die Fessenheim betreibt.

Hinzu kommt, dass selbst die Bor-Notabschaltung nicht ganz glatt funktionierte: In ihrem Brief moniert die Aufsichtsbehörde auch, dass das Wasser im inneren Kühlkreislauf dabei stärker abkühlte als vorgesehen. Manfred Mertins hält das für problematisch: Dass die Temperatur so aus dem Ruder gelaufen sei, deute darauf hin, dass man im Kraftwerk minutenlang keine Informationen über den Zustand des Reaktorkerns hatte. Die Erklärung aus Fessenheim: Der Reaktor hing noch am Stromnetz, das habe zum Temperaturabfall geführt. Das macht es jedoch wenig besser, denn eigentlich sollte der Reaktor in so einem Fall vom Netz getrennt werden, aber auch das ist offenbar nicht passiert.

Seit 2010 allein 16 Stör-Vorfälle der Stufe 1

Das Ereignis von 2014 zeige wieder, dass die aktuelle Situation nicht hinnehmbar sei, sagt Grünen-Chefin Simone Peter: "Ein Betreiber, der wie ein Hasardeur agiert, eine Aufsicht, die beide Augen zudrückt, und ein AKW, das aus dem letzten Loch pfeift." Seit Langem fordern nicht nur die Grünen, sondern auch Bürgerinitiativen in Frankreich und Deutschland, das grenznahe Atomkraftwerk abzuschalten. Das soll auch geschehen, aber offen ist, wann. Zuerst war das Ende für 2016 geplant, inzwischen heißt es: 2018. Womöglich sogar erst, wenn der geplante neue Reaktortyp in Flamanville in Betrieb geht - aber das kann noch dauern.

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"Fragt sich nur, ob uns Fessenheim nicht vorher um die Ohren fliegt", sagt André Hatz trocken. Der Sprecher des französischen Bündnisses "Stop Fessenheim" zählt aus dem Kopf eine lange Gefahrenliste auf, vom fehlenden Terrorschutz bis zur Lage, acht Meter tiefer als der nahe Rheinseitenkanal, in einer Erdbeben-Zone. Und dann die vielen Störungen, versteht sich: Seit 2010 allein 16 Vorfälle der Stufe 1.

In den vergangenen Monaten ist es ruhiger geworden, "vielleicht ist inzwischen ja alles repariert", sagt Hatz. Im Februar und März 2015 allerdings gab es eine Pannenserie, die selbst die Geduld der ASN schwer auf die Probe stellte. Zuerst platzte eine Wasserleitung. Man werde das prüfen, hieß es von EDF. Eine Woche später gab es eine ASN-Kontrolle, und noch während der Inspektion wurde das Rohrsystem wieder in Betrieb genommen, Prüfung hin oder her; so hatten sich die Kontrolleure das nicht vorgestellt. Prompt brach eine andere Leitung, wieder Überschwemmung, Alarm. Aber statt den Maschinenraum sofort zu evakuieren, blieb das Personal gelassen: Man hielt es für den allmonatlichen Probealarm. Kein Grund zur Beunruhigung.