Biologie:Ominöse Oktopus-Schwemme im Atlantik

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Biologie: Dutzende Tonnen Kraken fangen Fischer derzeit vor der Küste der Bretagne.

Dutzende Tonnen Kraken fangen Fischer derzeit vor der Küste der Bretagne.

(Foto: imago stock&people)

Vor der Küste der Bretagne sind in diesem Jahr Kraken in nie dagewesenen Massen aufgetaucht. Anfangs freuten sich Fischer noch - aber langsam wird es ihnen unheimlich.

Von Maximilian von Klenze

Oktopus, Oktopus und noch mehr Oktopus: "Statt Seespinnen, Taschenkrebsen oder Hummern fangen wir seit Juni nur noch Oktopusse", sagt Olivier Le Gurun, Fischer im Hafen von Quiberon, einer Halbinsel am Südzipfel der Bretagne. "Die Kraken klettern in unsere Korbreusen und fressen unsere eigentliche Beute auf. Manche sind sogar pfiffig genug, noch rechtzeitig auszubüxen, bevor wir sie an Bord hieven können."

Die Geschichten, welche die bretonischen Fischer dieser Tage vom Meer mitbringen, könnten auch einem Roman von Frank Schätzing entstammen. Jeden Tag ziehen sie Dutzende Tonnen Oktopus vom Meeresgrund hoch auf ihre Kutter. Ein Naturschauspiel der glibberigeren Art. "So was hat hier noch nie jemand erlebt", sagt Morgane Ramonet vom Fischereiausschuss des Departements Finistère. "Im letzten Jahr wurden an der französischen Atlantikküste gerade mal 150 Tonnen Oktopus gefangen. Bis Ende November dieses Jahres waren es schon über 2000 Tonnen."

Am stärksten betroffen sind eine Handvoll Häfen auf dem kurzen Küstenabschnitt zwischen Guilvinec und Quiberon. Hier liegen die Fangvolumina teilweise fünfzehnmal so hoch wie im Vorjahr. Viele Fischer haben jetzt umgesattelt und fischen nur noch auf die Kopffüßer.

"Wenn sich das Wasser bei Ebbe zurückzieht und in den natürlichen Becken zwischen den Felsen staut, können wir bei Anbruch der Dämmerung beobachten, wie die Oktopusse auf Jagd gehen", erzählt der Meeresbiologe Guillaume Eveillard, der im südlicheren La Rochelle arbeitet. "Solche Geschichten kannten wir sonst nur von unseren Großeltern."

Wie viele andere Forscher rätselt auch Eveillard, wo die Kraken so plötzlich herkommen. Seit dem eiskalten Winter 1962/63 galten die kälteempfindlichen Tiere an der Atlantikküste lange als verschwunden. Ein Faktor für die rasche Vermehrung könnten die zuletzt milden Winter gewesen sein. "Oktopusse leben nur zwei Jahre. Und wenn es warm genug ist, können sie in dieser kurzen Zeit extrem schnell wachsen. Im Laufe ihrer zwei Lebensjahre erreichen sie leicht ein Durchschnittsgewicht von drei Kilo und mehr", sagt Eveillard. Langusten oder Wolfsbarsche bräuchten dafür bis zu zehn Jahre. Angesichts dieser Wachstumsraten könnten ein, zwei milde Winter genügen, um die Bestände explodieren zu lassen.

Die nimmersatten Räuber fressen vor allem Jakobsmuscheln, Langusten und Hummer

Warme Winter hat es allerdings auch vor 2020 schon gegeben. "Von einer eindeutigen Folge des Klimawandels kann man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sprechen", sagt Laure Bonnaud-Ponticelli, Pariser Meeresbiologin und Expertin für Kopffüßer. "Es wirken zu viele unterschiedliche Faktoren zusammen, wie zum Beispiel auch Strömungsmuster."

Sobald die weiblichen Oktopusse groß genug sind und die Geschlechtsreife erreicht haben, legen sie zwischen 100 000 und 500 000 Eier. Dann sterben sie. Die Jungtiere entschlüpfen anschließend aus dem Ei in eine sogenannte planktonische Phase. Sie driften als winzige Kraken für bis zu drei Monate durch die offene See und ernähren sich von Garnelenlarven. "Eine besonders nährstoffreiche Strömung kann in dieser Phase einen entscheidenden Unterschied machen für die Wachstums- und Sterblichkeitsrate der Oktopusse", sagt Bonnaud-Ponticelli. Wie Temperatur, Strömung oder auch die Überfischung natürlicher Fressfeinde aber konkret zusammenspielten, darüber sei bislang wenig bekannt.

Den Fischern waren diese Hypothesen anfangs einerlei. Sie frohlockten angesichts eines solchen "Geschenks des Himmels". Oktopus verkauft sich gut, ein Großteil des Fangs wird für etwa sieben Euro pro Kilogramm nach Spanien und Portugal exportiert.

Mittlerweile herrscht auf den Kuttern aber Skepsis. Denn um ihr rapides Wachstum zu befeuern, fressen die nimmersatten Räuber vor allem Jakobsmuscheln, Langusten und Hummer. Diese teuren Delikatessen tischt man in Frankreich traditionell zum Weihnachtsfest auf. "In diesem Jahr konnten wir nur halb so viele Jakobsmuscheln fangen wie im letzten", sagt Olivier Le Gurun. "Wenn es so weitergeht, haben wir Weihnachten und vor allem im kommenden Jahr ein Problem."

Laure Bonnaud-Ponticelli hält es hingegen für verfrüht, jetzt Alarm zu schlagen: "Wenn ein größeres Raubtier in ein Ökosystem zurückkehrt, ist das erst mal ein positives Signal." Oktopusse stünden am oberen Ende der Nahrungskette und seien essentielle Glieder eines intakten marinen Ökosystems. Vor allem Wale, Delfine und Seelöwen fressen die Kraken gern. "Nur weil sie bei den französischen Konsumenten weniger Geld bringen als Hummer, sind Oktopusse nicht weniger wertvoll für das Ökosystem."

Wie sich die Bestände in Zukunft auch entwickeln mögen: Verspeist werden französische Weihnachtsdelikatessen in diesem Jahr eher unter Wasser als im Wohnzimmer.

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