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Frage der Woche:Warum lachen wir?

Immer wieder reißen wir den Mund auf, blecken unsere Zähne und stoßen unartikulierte Laute aus. Und am liebsten tun wir es zusammen mit anderen. Warum eigentlich?

Markus C. Schulte von Drach

Immer wieder reißen wir den Mund auf, blecken unsere Zähne und stoßen unartikulierte rhythmische Laute aus. Kurz: Wir lachen. Aber warum verlieren wir immer wieder die Kontrolle über unsere Gesichtszüge?

Eines ist klar: Es muss einen Sinn beziehungsweise einen Vorteil haben, sonst hätte sich diese auffällige Verhaltensweise in der Evolution kaum durchgesetzt.

Ursprünglich, so vermuten manche Wissenschaftler, hat sich das Lachen möglicherweise entwickelt, um dem Nachwuchs von Tieren - darunter den Primaten - die Möglichkeit zu geben, sich spielerisch zu balgen, ohne dass die Beißereien oder Schlägereien falsch verstanden werden.

Selbst Ratten geben lachähnliche Geräusche von sich, wenn sie miteinander spielen oder gekitzelt werden. Bei einigen Halbaffen sowie Pavianen, Makaken und Gibbons findet man bereits Lachen, allerdings ohne Ton.

"Ich mache jetzt nur Spaß"

Und Schimpansen setzen ein Spielgesicht auf, wenn sie zum Beispiel im Spaß zubeißen. Dabei erinnert sowohl ihre Mimik als auch ihr Kichern bereits sehr an das menschliche Lachen.

Aus dem Spielgesicht des Schimpansen hat sich beim Menschen offenbar eine Mimik entwickelt, die mehr als nur "Ich mache jetzt Spaß" signalisiert.

Das Lachen - wenn es nicht gerade die sarkastische Version, das Auslachen oder Schadenfreude ist - wird als Zeichen guten Willens oder der Sympathie verstanden und kann so zum Beispiel helfen, Konfliktsituationen zu entschärfen: Wir signalisieren damit, dass wir dem Gegenüber nichts Böses wollen und uns ihm vielleicht sogar verbunden fühlen. Wir tun das sogar in Situationen, in denen sich noch gar kein Konflikt abzeichnet. So begrüßen wir Bekannte und auch Fremde häufig mit einem Lächeln und stecken sie mit unserem lauten Lachen manchmal sogar an. Und wer über sich selbst lachen kann, präsentiert sich als besonders harmlos.

In Gruppen von Individuen, die wie die Menschen ihr Leben miteinander organisieren müssen, ist eine solche Strategie zur Vermeidung von Konflikten und zur Stärkung der Beziehung natürlich von größter Bedeutung. Deutlich wird dies etwa, wenn man Gruppen von Menschen beobachtet, die für eine Weile miteinander auskommen müssen - eine Reisegruppe zum Beispiel: Über das Lachen als Zeichen gegenseitiger Zustimmung finden bald jene zusammen, die gut miteinander können. Ist die Struktur der Gruppe schließlich geklärt, lässt auch das Lachen nach.

Faktor Gruppenzugehörigkeit

Doch was ist mit dem sarkastischen Lachen, dem Auslachen und dem Witz? Humor, so ist eine mögliche Erklärung, hat zwar einen solidarisierenden Effekt innerhalb von Gruppen, aber zugleich tendieren diese häufig dazu, sich von anderen Gruppen abzugrenzen und sich über sie zu erheben.

Besonders deutlich wird dies an Witzen über Volksgruppen oder Ethnien, etwa Österreicher, Bayern, Ostfriesen, Schotten. Auch neigen Gruppen dazu, Personen auszugrenzen, die etwa aufgrund von Behinderungen wie Stottern auffallen. Es ist offensichtlich, dass das Lachen hier dazu dient, sich zusammen mit "Verwandten im Geiste" für etwas Besseres zu halten, die anderen nicht ernst zu nehmen und Autoritäten in Frage zu stellen.

Ähnlich kommt möglicherweise auch die Schadensfreude zustande. Man lacht über jemanden, dem etwas Schlimmes oder Dummes zugestoßen ist. Und angesichts der Umstände versteht jeder, dass das Signal in diesem Falle nicht als Solidarisierung, sondern als Abgrenzung von diesem Pechvogel oder Idioten zu verstehen ist.

Natürlich ist das Lachen nur eine von vielen Möglichkeiten, um zu diesen verschiedenen Zielen zu kommen. Aber es ergänzt das Repertoire von Solidarisierungs- und Abgrenzungsstrategien um eine wichtige emotionale Möglichkeit. Denn Lachen ist ein gutes Gefühl und funktioniert ohne große Erklärungen.

Der Witz am Witz

Nun haben zwar viele Witze eine aggressive Komponente oder zielen auf die Schadenfreude. Fast immer lacht man über eine Figur, der etwas Schlimmes wiederfahren ist oder die etwas unglaublich Dummes tut. Doch das allein reicht nicht aus, um das Phänomen zu erklären. Witze müssen vor allem etwas Ungewöhnliches oder Unmögliches bieten, mit dem man auf keinen Fall rechnet. Und am besten etwas, das außerhalb der gesellschaftlichen Konventionen liegt und vielleicht sogar verboten ist.

All dies vereinigt zum Beispiel jener Witz in sich, den britische Forscher von der University of Hertfordshire in Hatfield vor einigen Jahren über eine Online-Umfrage unter 40.000 Witzen als Champion identifizierten:

"Zwei Jäger gehen durch den Wald, als plötzlich einer von ihnen zusammenbricht. Er scheint nicht mehr zu atmen und seine Augen sind glasig. Der andere Jäger holt das Mobiltelefon heraus und betätigt den Notruf. Er keucht: "Mein Freund ist tot! Was kann ich tun?". "Beruhigen Sei sich, ich werde Ihnen helfen", bekommt er zur Antwort. "Gehen Sie erst mal ganz sicher, dass er wirklich tot ist." Stille. Dann ist ein Schuss zu hören. Zurück am Telefon fragt der Kerl: "In Ordnung. Was jetzt?"

Und wer jetzt nicht gelacht hat, der muss ihn schon gekannt haben.

© sueddeutsche.de/gf
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