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Frage der Woche:Macht Liebe blind?

Verliebte übersehen alle Fehler und Unzulänglichkeiten des Objekts ihrer Begierde. Aber wirkt sich der Liebesrausch tatsächlich auf die Wahrnehmung aus?

Markus C. Schulte von Drach

Schon Shakespeare hat es in seinen Dichtungen mehrfach betont: Liebe ist blind. Jeder, der Gelegenheit hatte, diesen Zustand bei sich und anderen zu beobachten, wird bestätigen, dass verliebte Menschen tatsächlich die negativen Eigenschaften des Wunschpartners ausblenden - zumindest solange der Liebesrausch anhält. Später, das lehrt die Erfahrung, sieht dann vieles etwas anders aus.

Diese möglicherweise hormonell bedingte psychologische Liebesblindheit ist allerdings noch nicht alles. Unsere Wahrnehmung verändert sich offenbar tatsächlich auch auf der physiologischen Ebene der Sinne.

Verliebte sehen nicht nur den (Wunsch-) Partner durch die rosa Brille. Sie haben auch Scheuklappen auf, die verhindern, dass sie Alternativen wahrnehmen - und seien diese noch so attraktiv.

Das haben Wissenschaftler der Florida State University in Tallahassee kürzlich nachgewiesen.

Psychologen wissen schon lange, dass Bilder und Eindrücke einen Einfluss auf uns haben können, selbst wenn diese nur so kurz aufflackern, dass sie nicht in unser Bewusstsein gelangen. Außerdem kann man Menschen beeinflussen, in dem man sie bittet, sich mit positiven oder negativen Erfahrungen zu beschäftigen. Wissenschaftler sprechen hier von "Priming" oder "Bahnung".

Jon Maner und seine Kollegen haben nun 57 Studenten gebeten, Situationen zu beschreiben, in denen sie besonders viel Liebe für ihre gegenwärtigen Partner empfunden hatten. 56 andere Studenten sollten dagegen an Augenblicke denken, in denen sie einfach nur besonders glücklich waren.

Anschließend wurden den Studienteilnehmern auf einem Bildschirm Fotos von durchschnittlich oder besonders attraktiv aussehenden Menschen gezeigt - allerdings nur für eine Zeit von 500 Millisekunden. Die Studenten sahen die Bilder demnach zwar, nahmen die Motive aber nicht bewusst wahr.

Anschließend tauchte irgendwo auf dem Monitor ein neutrales Objekt, ein Kreis oder Quadrat, auf, das die Probanden möglichst schnell identifizieren sollten.

Wie Maner und sein Team feststellten, gelang dies jenen Studenten, die sich zuvor mit ihrer Verliebtheit beschäftigen sollten, besser als jenen, die lediglich über glückliche Momente nachgedacht hatten. Sie waren auf unbewusster Ebene von den Bildern der besonders attraktiven Menschen anderen Geschlechts kaum abgelenkt worden.

Die Kontrollgruppe dagegen reagierte auf die Symbole dagegen vermutlich langsamer, weil sich ihr Unterbewusstsein noch mit den zuvor aufgeblitzten fremden Schönheiten beschäftigte.

Ging es dagegen um durchschnittliche Gesichter oder Menschen vom gleichen Geschlecht wie die Probanden, gab es keine Unterschiede bei der Reaktionszeit.

Fremde Schönheiten ausgeblendet

Im Rausch der Liebe hat man also tatsächlich nur Augen für den Partner und blendet die Schönheit anderer aus.

Bekannt war bereits zuvor, dass Menschen in funktionierenden Liebesbeziehungen schöne alternative Partner weniger attraktiv beurteilen als Singles. Doch war nicht klar, ob sie nicht sich und andere schlicht nur belügen. Das mag zusätzlich eine Rolle spielen. Aber wie die Wissenschaftler aus Florida zeigen konnten, filtert schon das Unterbewusstsein der Verliebten die fremde Schönheit aus.

"Es ist Psychologen lange Zeit schwergefallen, die Funktion der romantischen Liebe zu erklären", sagte Joseph Forgas von der University of New South Wales in Sydney dem Fachmagazin New Scientist. "Die Studie von Maner deutet darauf hin, dass sie möglicherweise dazu dient, unseren natürlichen Wunsch zu zähmen, ständig nach dem besten verfügbaren Partner zu suchen."

Dies nämlich wäre eine Gefahr für stabile langfristige Paarbeziehungen. Und diese gelten als ein Vorteil bei der Aufzucht des Nachwuchses. Auf diese Weise konnte sich die Blindheit der Verliebten als evolutionärer Vorteil durchsetzen.

© sueddeutsche.de/pak
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