Frage der Woche Lässt sich das Gedächtnis fälschen?

In manchen Büchern und Filmen werden Menschen mit fiktiven Erinnerungen ausgestattet. Das ist natürlich alles Science-Fiction. Oder doch nicht?

Von Markus C. Schulte von Drach

Als es dem Bauarbeiter Douglas Quaid zu langweilig wird, beschließt er, sich künstliche Erinnerungen an einen Aufenthalt auf dem Mars einpflanzen zu lassen - und zwar in der aufregenden Rolle als Geheimagent.

Baustelle Gehirn: Lassen sich falsche Erinnerungen in unser Denkorgan einpflanzen?

(Foto: Foto: iStock)

So beginnt der Science-Fiction-Film "Total Recall" mit Arnold Schwarzenegger, und jeder weiß inzwischen, dass bereits Quaids Erinnerungen an ein Leben als Bauarbeiter nur eine Fiktion waren, die einem echten Geheimagent namens Hauser eingepflanzt wurden. Und jeder weiß auch, dass sich Erinnerungen an ein anderes Leben nicht in ein Gehirn einpflanzen lassen.

Doch können wir uns da eigentlich so sicher sein?

Unsere Erinnerungen sind ein wichtiger Teil von uns. Sie helfen uns zu begreifen, wer wir sind, wo wir stehen und was uns mit anderen verbindet. Nimmt man uns unser Gedächtnis, dann nimmt man uns unsere Identität.

Doch die Erkenntnisse der Hirnforscher und Psychologen geben uns zunehmend Anlass zu fragen, wie gut wir uns auf unsere Erinnerungen wirklich verlassen können. Was wir in unserem Gehirn speichern, wird nicht in Granit gemeißelt. Wenn wir uns an etwas erinnern, rufen wir vielmehr Hirninhalte ab, die im Laufe der Zeit und vor dem Hintergrund neuer Erfahrungen und Informationen überarbeitet und verfremdet wurden.

Demnach ist unser Gedächtnis gewissermaßen ein flexibles System. Wir ordnen vergangene Erfahrungen zwar chronologisch und sortieren neue Inhalte dementsprechend ein. Wir können unterscheiden, was uns selbst zugestoßen ist, und was wir nur vom Hörensagen kennen oder bei anderen beobachtet haben. Doch mit der Zeit verschwimmt die Einteilung, was wann wie warum und auch wem geschehen ist, immer stärker. Und tatsächlich ist unser Erinnerungsspeicher so flexibel, dass andere falsche Erinnerungen in unser Gehirn pflanzen können.

Das geht - jedenfalls bislang - nicht wie im Film mit einer Leitung in unser Gehirn, über die eine fiktive Biographie eingespeichert wird, die unseren eigenen Lebenslauf verdrängt. Es geht aber mit Hilfe einer gewissen Überzeugungsarbeit, suggestiver Fragen und anderer Hilfsmittel, wie eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Studien inzwischen belegt.

Verloren im Einkaufszentrum

Erinnern Sie sich zum Beispiel an das beängstigende Erlebnis, als Sie damals, im Alter von fünf Jahren, in dem großen Einkaufszentrum verlorengegangen sind? Nein? Und wenn nun Ihre Tante Ihnen bestätigt, das genau dies passiert ist?

In ihrem inzwischen schon klassischen Shopping-Mall-Experiment konnten Elisabeth Loftus und Jacqueline Pickrell von der University of Washington in Seattle zeigen, wie leicht wir uns täuschen lassen. Nachdem sie ihre Probanden über dieses fiktive Ereignis mehrfach befragt hatten, waren 25 Prozent der Teilnehmer schließlich davon überzeugt, diese Erfahrung tatsächlich gemacht zu haben.

Ähnlich eindrucksvoll waren die Ergebnisse der Forscher, als sie Versuchspersonen eine Broschüre zu Disneyland präsentierten. Enthielt die Werbung Bilder von dem Cartoon-Hasen Bugs Bunny, gab ein Drittel der Probanden später an, sie seien der Figur bei einem Besuch des Freizeitparks begegnet. Von diesen erklärten 62 Prozent, sie hätten einem Träger der entsprechenden Hasenverkleidung die Hand geschüttelt, und fast jeder Zweite wollte von dem Cartoonhelden umarmt worden sein.

Tatsächlich kann man Bugs Bunny in Disneyland nicht begegnen, da die Rechte an der Figur bei Warner Bros Inc. liegen, nicht bei der Walt Disney Company.

Ein drittes eindrucksvolles Beispiel für die "Leichtgläubigkeit" unseres Gedächtnisses lieferten Kimberley Wade und ihr Team von der Victoria University of Wellington, Neuseeland. Die Forscher zeigten ihren Versuchspersonen ein altes Schwarzweißfoto, auf dem diese in einem Heißluftballon zu sehen waren.

Was die Probanden nicht wussten: Einer ihrer Verwandten hatte den Wissenschaftlern heimlich ein Foto der Versuchsperson zukommen lassen. Die Forscher erstellten eine Fotomontage - und schon war der Ausflug in die Luft mit einem historischen Dokument belegt, das den Versuchsteilnehmern vorgelegt wurde.

Jeden dritten Probanden erinnerte das Foto tatsächlich an eine Erfahrung, die niemals stattgefunden hatte. Noch zweimal baten die Forscher die Testpersonen, zu Hause über das Ereignis nachzudenken. Und schließlich glaubte jeder Zweite, der Flug hätte tatsächlich stattgefunden - und einige konnten sich sogar an Details erinnern.

Wieder und wieder haben Wissenschaftler solche Versuche wiederholt und etliche Menschen laufen seitdem mit Erinnerungen an Krankenhausbesuche, Tierangriffe, peinliche Auftritte bei Hochzeiten und so weiter herum, die ihnen von den Forschern eingepflanzt wurden. Und es hat sich herausgestellt, dass es bestimmte Methoden gibt, den Erfolg zu vergrößern.

Falsche Erinnerungen fühlen sich echt an

So bezieht man sich zum Beispiel am besten auf Quellen, die tatsächlich etwas wissen könnten - etwa Eltern oder andere Verwandte. Oder man manipuliert Beweise wie Fotos - und schon leidet unser Gedächtnis unter Irritationen. Glauben wir erst einmal, wir hätten etwas wirklich erlebt, lässt sich diese Erinnerung nicht mehr von jenen an reale Ereignisse unterscheiden.

Unser Gedächtnis ist also anfällig für gezielte Manipulationen - aber auch für ungewollte Eingriffe. Das zeigen zum Beispiel Studien zu Augenzeugen. Je nachdem, wie man etwa Menschen zu einem Unfall oder einem Verbrechen befragt, kann man unterschiedliche Informationen gewinnen. Soll ein Zeuge etwa sagen, ob er in der Umgebung irgendein Auto gesehen hat, fällt die Antwort leicht anders aus, als wenn die Frage lautete: "Haben Sie einen blauen Wagen beobachtet?" Eine noch deutlichere Suggestion ist natürlich: "Haben Sie den blauen Wagen beobachtet?"

Als besonders heikel hat sich die Frage nach möglicherweise falschen Erinnerungen im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch in der Kindheit erwiesen. Wie Elisabeth Loftus festgestellt hat, benutzen manche Therapeuten suggestive Techniken, etwa Fragen wie: "Sie erinnern sich nicht an den sexuellen Missbrauch, aber Sie haben die entsprechenden Symptome. Also stellen Sie sich vor, wer das getan haben könnte."

Auf diese Weise, so Loftus, können Patienten erst Überzeugungen und Erinnerungen entwickeln, die keine reale Grundlage haben. Es gibt eine ganze Reihe von Beispielen, wo Männer und Frauen in ihrem Gedächtnis Hinweise nicht nur auf Missbrauch durch Eltern und Verwandte, sondern auch auf die eigene Teilnahme an satanischen Ritualen, Mord, Kannibalismus und andere furchtbare Vorgänge entdeckt haben - ohne dass etwas davon tatsächlich stattgefunden hätte.

Tausende Menschen, so Loftus, hätten aufgrund des Vorgehens gutmeinender Helfer bereits Schaden genommen.

Das Problem ist, dass Menschen möglicherweise tatsächlich traumatische Kindheitserfahrungen verdrängen, die Therapeuten freilegen könnten. Doch da es grundsätzlich problematisch ist, wenn sich jemand an etwas erinnern soll, von dem er oder sie einfach nicht weiß, ob es überhaupt tatsächlich stattgefunden hat, muss ein Psychiater entsprechend vorsichtig vorgehen.

Fazit: Es ist nicht möglich, ein Gedächtnis vollständig zu fälschen. Aber es ist erheblich einfacher als man gemeinhin denkt, jemanden falsche Erinnerungen einzupflanzen.

Nur weil wir uns sehr detailliert an etwas erinnern können, heißt das also noch lange nicht, dass wir es wirklich erlebt haben.