bedeckt München

Frage der Woche:Lässt sich das Denken lenken?

Aus China berichteten vergangenes Jahr Wissenschaftler der Technischen Universität Shandong von ähnlichen Erfolgen bei Tauben. Die Vögel bewegten sich angeblich nicht nur auf Befehl nach links und rechts, sondern auch nach oben und unten.

Doch kann man davon sprechen, dass die Gedanken der Tiere gelenkt wurden? Bei ihnen wurde das Bedürfnis nach Stromstößen ins Belohnungssystem erzeugt, so dass sie motiviert waren, den gefunkten Wünschen der Forscher zu folgen. Das so etwas funktioniert, ist seit der Konditionierung von Pawlows Hund belegt.

Gezielte, lenkende Eingriffe in das Denken von Tieren oder gar Menschen waren diese Versuche nicht. Und der Einsatz sogenannter Hirnschrittmacher, die über Elektroden Stromstöße ins Gehirn zum Beispiel von Parkinsonpatienten oder Menschen mit Zwangsstörungen abgeben, blockieren Verhaltensweisen nur. Sie lösen Handlungen nicht gezielt aus.

Dies aber könnte eine Technik ermöglichen, die Forscher um Theodore Berger von der University of Southern California in Los Angeles entwickeln. Die Wissenschaftler wollen in ferner Zukunft den Hippocampus - eine Hirnstruktur, die für das Abspeichern neuer Informationen eine wichtige Rolle spielt - durch Computerchips ersetzen. Vordergründig geht es ihnen darum, Menschen mit Hirnschäden zu helfen, etwa Schlaganfall- oder Alzheimer-Patienten.

Dass aber auch die Forschungsabteilung des US-Verteidigungsministeriums Berger finanziell unterstützt, hängt mit anderen Möglichkeiten zusammen, die sich im Hintergrund abzeichnen.

Die Hoffnungen der Militärs erinnern an Science Fiction: Soldaten wie zum Beispiel Kampfpiloten könnten einen Gedächtnis-Chip erhalten, der sie in Extremsituationen schneller mit notwendigen Informationen versorgt als ihr eigenes Gehirn dies könnte. Mühsames Training solcher Situationen wäre dann nicht mehr notwendig - wenn es denn überhaupt möglich wäre.

Eine solche Technik ist Zukunftsmusik. Doch sollten die Träume der Militärs dereinst in Erfüllung gehen, sollten Kampfpiloten ihre Flugzeuge mit Hilfe von Programmen steuern, die über einen Computerchip einlaufen, geben die Flieger die Kontrolle zumindest zum Teil an die Programmierer ab. Und was bei den Fliegern gehen wird, wird sich mit Sicherheit auch bei anderen Menschen einsetzen lassen.

Es ist damit zu rechnen, dass es in der fernen Zukunft möglich sein wird, Denken zu lenken. Die Frage ist, ob wir das wollen. Ob wir uns vielleicht sogar, wie einst José Delgado, eine psychozivilisierte Gesellschaft wünschen. Oder ob sich der Einsatz der Technik noch wird verhindern lassen, wenn sie erst einmal ausgereift ist.

© sueddeutsche.de/gf
Zur SZ-Startseite