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Körpermerkmale:Kann man aus der Hand lesen?

Schmutzige Fingernägel sprechen natürlich Bände. Aber auch bestimmte Eigenschaften der Finger können interessante Hinweise auf die Persönlichkeit geben.

Zum Handlesen untersuchen die Experten - sogenannte Chiromantiker, die man hin und wieder auf Jahrmärkten trifft - die Form unserer Hände und die Linien unserer Handflächen. Und dann erklären sie uns, wer wir sind und ob es mit uns ein gutes oder schlechte Ende nehmen wird.

Auf die Länge von Ring- und Zeigefinger kommt es an.

(Foto: Foto: photodisc)

Leider lassen Länge und Verlauf der Rillen zwischen Daumen und den übrigen Fingern natürlich keine Aussagen über unser Schicksal und unsere Persönlichkeit zu.

Etwas anders dagegen verhält es sich jedoch offenbar mit der Länge unserer Finger.

Schon seit Jahrzehnten ist bekannt, dass es hier Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt: Bei Männern ist der Zeigefinger im Vergleich zum Ringfinger etwas kürzer, während beide Finger bei Frauen meist gleich lang sind.

Das Verhältnis zweiter Finger (2D) zum vierten Finger (4D) - also 2D:4D - ist bei Männern demnach kleiner als bei Frauen.

Dies hängt offenbar mit dem Testosteronspiegel zusammen, dem ein Kind vor der Geburt ausgesetzt ist. Deshalb vermuten einige Wissenschaftler, dass ein großer Unterschied zwischen beiden Fingern auch auf andere körperliche und sogar charakterliche Eigenschaften hinweisen kann, die ebenfalls mit diesem Sexualhormon zusammenhängen.

Tatsächlich konnte Mark Brosnan von der University of Bath erst kürzlich zeigen, dass Jungen im Alter von sechs und sieben Jahren, deren Zeigefinger relativ kurz (beziehungsweise deren Ringfinger besonders lang) ist, besser in Mathe abschneiden als ihre Altersgenossen (British Journal of Psychology, doi: 10.1348/000712607X197406). Im Lesen und Schreiben dagegen sind sie schlechter.

Mädchen mit gleich langen Ring- und Zeigefingern dagegen zeichnen sich durch gute sprachliche Fähigkeiten aus. Brosnan vermutet, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem vorgeburtlichen Testosteronspiegel und der Entwicklung der beiden Hirnhälften des Fötus. Viel Testosteron, so der Brite, verlangsamt die Wachstumsrate der linken und unterstützt das Wachstum der rechten Hemisphäre. Und die rechte Seite gilt als verantwortlich für mathematische Fähigkeiten.

Hinweis auf eine Neigung zur Gewalt

Der kanadische Forscher Peter Hurd von der University of Alberta hatte bereits vor zwei Jahren gezeigt, dass Männer mit besonders kurzem Zeigefinger stärker zu physischer Gewalt neigen. Für Frauen war ein solcher Zusammenhang allerdings nicht festzustellen.

Und eine ganze Reihe von Untersuchungen, insbesondere von John Manning von der University of Liverpool, deuten darauf hin, dass die Betroffenen besonders fruchtbar und sportlich sind. Von Frauen werden sie häufiger als attraktiv und dominant wahrgenommen. Darüber hinaus tendieren sie angeblich eher zu Depressionen.

Und wie Karl Grammer von der Universität Wien hinzufügt, neigen sie aufgrund ihres hohen Testosteronspiegels auch noch zur Promiskuität. Sie sind - auf Deutsch gesagt - weniger treu wie ihre Geschlechtsgenossen mit eher weiblichem Finger-Verhältnis.

Frauen mit einem relativ kurzen Zeigefinger wiederum schneiden in Sportarten wie Laufen, Fußball oder Tennis besonders gut ab, wie Forscher des King's College in London letztes Jahr berichteten. Und, so zeigt eine Studie der University of California in Berkeley, unter ihnen finden sich häufiger lesbische Frauen.

Vorsicht bei der Interpretation

Anders als die Handleser auf dem Jahrmarkt gehen die Forscher jedoch nicht davon aus, dass ein Blick auf die Finger unzweifelhafte Schlüsse auf den Charakter ihres Besitzers zulassen.

Die Ergebnisse erlaubten keine Schlüsse über einzelne Personen, sondern spiegelten lediglich Hinweise auf Trends wieder, warnt etwa Peter Hurd. Frauen sollten sich demnach nicht darauf verlassen, dass ein Partner mit gleich langen Ring- und Zeigefingern ihnen unweigerlich treu sein werden.

Und Brosnan erklärte, dass die Vermessung der Finger vielleicht helfen könnte, schon bei Kindern Begabungen oder Entwicklungsstörungen zu erkennen und so frühzeitig zu fördern. Aber die normalen Tests vor einer Einschulung ließen sich dadurch nicht ersetzen.

Überhaupt muss man bei den Versuchen, von Körpermerkmalen auf Charaktereigenschaften zu schließen, sehr vorsichtig sein. Das zeigen Erfahrungen der Vergangenheit. So war der Italiener Cesare Lombroso (1836 - 1909) zum Beispiel überzeugt, dass bestimmte Schädelformen oder zusammengewachsene Augenbrauen auf eine Anlage zum Gewaltverbrecher hinwiesen.

Aber bei aller Vorsicht - auf jeden Fall sagen unsere Finger mehr über uns aus, als die Linien in unserer Handfläche. Lassen Sie sich nicht von einer kurzen Lebenslinie schocken. Das kündigt kein baldiges Ableben an. Und wenn Sie sich doch Sorgen machen, wenden Sie sich an den nächsten Schönheitschirurgen. Ein Schnitt - und schon leben Sie noch 100 Jahre.