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Frage der Woche:Gibt es eine tierische Kultur?

Gorillas schreiben keine Gedichte, Vögel malen keine Bilder. Aber wo fängt Kultur eigentlich an und wo hört Natur auf?

Manche Tiere bilden Staaten und manche singen Lieder. Manche Tiere fertigen kunstvolle Nester und Netze, bauen Burgen und Dämme. Und manche Tiere schmücken sich selbst.

Wächst ein Spatz bei Kanarienvögeln auf, singt er "kanarisch".

(Foto: Foto: AP)

Doch findet man im Tierreich auch Kultur? Auf den ersten Blick scheint sich das auszuschließen. Schließlich gilt Kultur ja gerade als Gegensatz zur Natur. Es geht um Regeln, Rechte und Moral, politische Systeme, Glaube und Kunst. Und es geht um die Weitergabe erworbener Eigenschaften innerhalb verschiedener Gesellschaften.

Bislang galt, dass zwar einige Tiere erlernte Eigenschaften an ihren Nachwuchs weitergeben. So berichtete schon Immanuel Kant von Sperlingen, die von Kanarienvögeln aufgezogen wurden und statt "spätzisch" nun "kanarisch" sangen. Von verschiedenen regionalen Dialekten berichten Vogelforscher immer wieder.

Waschen und Salzen

Und von Primaten ist bekannt, dass neue Verhaltensweisen sich in einer Gruppe ausbreiten können, indem die Tiere voneinander lernen. Bekannt ist das Beispiel einer Population von Makaken auf der Insel Koshima.

Dort hatte sich in den fünfziger Jahren das Waschen von Kartoffeln in einem Bach und später dann zusätzlich das Salzen der Knollen im Meerwasser durchgesetzt. Der Besuch des Strandes hatte schließlich sogar dazu geführt, dass die Tiere im Meer schwimmen gingen.

Auch eine neue Studie an Schimpansen unterstützt nun die Idee, dass Tiere eine Art Kultur entwickeln können.

"Wir wussten, dass es Verhaltensunterschiede zwischen Schimpansenkolonien gibt", erklärte Stephen Lycett von der University of Liverpool. "Aber keiner wusste, warum."

So nutzen ostafrikanische Schimpansengruppen Stöcke und Halme, um Termiten aus ihren Bauten zu angeln. Ihre westafrikanischen Artgenossen dagegen kennen diese Technik nicht.

In einer Population kennt man die Technik, mit Steinen eine bestimmte Art von Nuss zu knacken. In einer anderen Gruppe wurde die Methode weiterentwickelt. Dort setzen die Tiere neben Steinen auch Holzstücke ein, um insgesamt drei verschiedene Nussarten aufzubekommen.

Insgesamt 39 Verhaltensweisen von Schimpansen sind bekannt, die etliche Mitglieder innerhalb verschiedener Gruppen erlernt haben. Neben dem Termitenangeln und Nüsseknacken sind darunter auch Formen der Fellpflege und des Sozialverhaltens.

Und für manche Forscher sind dies deutliche Hinweise auf eine Art Kultur. Andere Wissenschaftler widersprechen dieser Interpretation. Sie nehmen an, dass junge Schimpansen bestimmte Eigenheiten aufgrund der von ihren Eltern geerbten Gene entwickelten.

So tritt ein Drittel dieser Traditionen nur in jeweils einer Gruppe auf. Diese aber könnten in den letzten Jahrtausenden genetisch isoliert gewesen sein. "Belege dafür gab es aber keine", so Lycott.

Ein Stammbaum der Verhaltensweisen

Die britischen Forscher haben die These von der Schimpansen-Kultur nun untersucht, indem sie eine Art Stammbaum für einige dieser Verhaltensweisen von Schimpansenkolonien zwischen Ost- und Westafrika aufstellten.

Denn die Methoden des Nüsseknackens etwa haben sich offenbar innerhalb der letzten 100.000 Jahre von Ostafrika aus teilweise über mehr als 4000 Kilometer nach Westen ausgebreitet.

Nun gibt es tatsächlich deutliche genetische Variationen zwischen den fünf ostafrikanischen und zwei westafrikanischen Schimpansenpopulationen. Deshalb stellten Lycott und sein Team die Hypothese auf, dass Verhaltensweisen auf genetischer Basis sich auch in Unterschieden im Erbgut dieser Gruppen spiegeln müssten.

Doch wie sie kürzlich im Fachblatt Proceedings of the National Academy of Sciences berichteten, war das nicht der Fall ( PNAS, Bd.104, S.17559, 2007). Die genetischen Stammbäume und die Verteilung der Verhaltensweisen stimmten nicht überein.

Im Gegenteil: Sie stellten fest, dass es Populationen gab, die zwar das gleiche Verhalten zeigten, sich aber genetisch stark unterschieden - und umgekehrt.

Gibt es eine tierische Kultur?

Ihre Ergebnisse, so schreiben die Forscher, passen nicht zu der Hypothese, dass die Unterschiede in den Verhaltensmustern verschiedener Populationen genetisch bestimmt sind.

In den fünfziger Jahren malte der Schimpanse Congo Bilder, für die auf Auktionen richtig viel Geld bezahlt wurde. Ein Beweis für Kultur sind die Gemälde aber noch nicht.

(Foto: Foto: AP)

Know-how-Transfer zwischen Populationen

Vermutlich ist es eher so, dass einzelne Tiere in ihrer Heimat eine spezielle Technik - zum Beispiel zum Nüsseknacken - erlernt haben. Schließen sie sich dann einer anderen Population an, so nehmen sie ihr Wissen mit. Dieses wird von den neuen Kameraden übernommen und an die jeweils herrschenden Umweltbedingungen angepasst, vermutet Lycott.

Demnach "stimmen die Ergebnisse überein mit einer wachsenden Zahl von Studien, die darauf deuten, dass viele Verhaltensweisen von Schimpansen sozial erlernt sind und als kulturell betrachtet werden können", schließen die Wissenschaftler.

Nun wird unter Wissenschaftlern zunehmend diskutiert, dass auch moralisches Verhalten, Normen und Regeln des Zusammenlebens sowie das ästhetische Empfinden bei Menschen stärker von den Genen bestimmt werden, als bislang angenommen. Vor diesem Hintergrund scheint die Kluft zwischen dem, was wir als Kultur definieren, und dem, was wir im Tierreich als kulturähnliche Phänomene beobachten, zu schrumpfen.

Zwar ist nicht zu erwarten, dass wir einmal Zeugen eines klassischen Schimpansen-Konzerts werden, dass Gorillas eine Raumstation bauen oder Makaken eine Bibel schreiben.

Betrachtet man den Kulturbegriff gemäß des "Meyer Lexikons" im Sinne seiner weitesten Verwendung, so bezeichnet er "all das, was der Mensch geschaffen hat, was also nicht naturgegeben ist."

Aber naturgegeben ist das Nüsseknacken der Schimpansen mit Hilfe von Werkzeugen offenbar genauso wenig wie das Schreiben eines Sonetts.

"Die neue Studie", kommentierte Andrew Whiten von der britischen University of St. Andrews im Fachmagazin PNAS, "könnte den Brückenschlag unterstützen zwischen der Arbeit derjenigen, die sich auf menschliche und nicht menschliche Formen von Kultur konzentrieren - und darüber hinaus die aufregende Aussicht auf eine mehr ganzheitliche Kulturwissenschaft."