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Frage der Woche:Ganz der Papa?

"Wie dem Vater aus dem Gesicht geschnitten", so heißt es häufig über Neugeborene. Hat die Natur dies tatsächlich so eingerichtet, um Zweifel an der Vaterschaft zu vermeiden?

Ist dieses Kind wirklich das eigene? Einem Mann kann auf diese Frage eigentlich nur ein Gentest hundertprozentige Sicherheit geben. Sonst bleibt ihm nichts anderes übrig, als der Partnerin zu vertrauen. Oder, so wird zumindest häufig behauptet, auf die Ähnlichkeit mit dem Nachwuchs.

Wie aus dem Gesicht geschnitten? Naja.

(Foto: Foto: istock)

"Ganz der Vater" heißt es oft. Aber sind Babys dem biologischen Vater tatsächlich ähnlicher als der Mutter? Oder sind Männer besonders sensibel, wenn es darum geht, zu erkennen, ob sich die eigenen Gene im Gesicht der Kleinen widerspiegeln?

Vor dem Hintergrund der Evolution scheint es natürlich auf den ersten Blick Sinn zu machen, wenn ein Mann eigenen und fremden Nachwuchs bereits in der Wiege unterscheiden kann.

Schließlich muss das Interesse, in fremde Kinder zu investieren, evolutionsbiologisch gesehen geringer sein, als biologische Söhne und Töchter zu unterstützen. Doch die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Ähnlichkeit zwischen Vater und Baby sind widersprüchlich.

So machte Mitte der 90er Jahre eine Studie von Wissenschaftlern der University of California in San Diego Schlagzeilen. Nicholas Christenfeld und Emily Hill hatten festgestellt, dass einjährige Säuglinge ihrem Vater mehr ähneln als ihrer Mutter - und zwar dem Urteil objektiver Betrachter zufolge. Die Forscher vermuteten, dass dies dem Baby zum Vorteil gereicht, da ein von der Vaterschaft überzeugter Erzeuger eher in den Nachwuchs investiert.

Adoption nach Ähnlichkeiten

Spätere Untersuchungen unterstützten diese Vermutung. So legten etwa Steven Platek und seine Kollegen von der University of Liverpool ihren Versuchsteilnehmern Kinderbilder vor und fragten sie, welchen Nachwuchs sie am ehesten adoptieren würden, welcher ihnen am besten gefiele, und bei welchem Kind sie am wenigsten Widerstand gegen Alimente leisten würden.

Was die Probanden nicht wussten: Es handelte sich bei den Fotos um Aufnahmen von Erwachsenen, die mit Hilfe eines Computers mit Kinderbildern verschmolzen worden waren. Das Ergebnis waren Bilder von Kindern, die Ähnlichkeiten mit den jeweiligen Erwachsenen aufwiesen. Und eines der Fotos zeigte die gemorphte Aufnahme der Versuchsteilnehmer selbst.

Die Probanden reagierten tatsächlich am positivsten auf jene Aufnahmen von Kindern, für die ihr eigenes Foto verwendet worden war. Ähnliche spätere Studien ergaben auch ähnliche Ergebnisse.

Wie Frank Marlowe und Coren Apicella von der Harvard University in Cambridge, USA, vor drei Jahren berichteten, spiegelt eine von Vätern selbst wahrgenommene große Ähnlichkeit mit dem Nachwuchs sich nicht nur in dem Grad der Bereitschaft wieder, grundsätzlich in diesen zu investieren. Gerade Männer, die von der Mutter ihrer Kinder getrennt leben, zahlen offenbar auch weniger widerwillig Unterhalt, wenn ihnen die Kinder wie aus dem Gesicht geschnitten erscheinen.

Vergangenes Jahr bestätigten Anthony Volk und Vernon Quinsey von der Queen's University in St. Catharines, Kanada, die Beobachtung, dass Männer jene auf Bildern gezeigten Kinder am ehesten adoptieren würden, die ihnen ähnlich sehen. Bei Frauen spielt die Ähnlichkeit dagegen keine so große Rolle.

"Wir glauben", so Volk und Quinsey, "dass die bisherige Forschung die Hypothese unterstützt, derzufolge Männer die Ähnlichkeit zwischen Eltern und Kindern berücksichtigen, und das, obwohl die Hinweise im Gesicht ein schlechtes Maß für die Verwandtschaft sind."

Betonung durch die Mutter

Tatsächlich scheint dieses Maß für Väter nicht besonders geeignet zu sein, um auf Nummer sicher zu gehen. Mehrere Untersuchungen in den vergangenen zehn Jahren zeigten - im Widerspruch zur Studie von Christenfeld und Hill -, dass unvoreingenommene Beobachter keine größere Ähnlichkeit zwischen Nachwuchs und Vater feststellen können als mit der Mutter.

Und wie die Französin Alexandra Alvergnea und ihr Team von der Universität von Montpellier 2007 berichteten, konnten ihre Versuchsteilnehmer Kinder anhand von Fotos recht gut einem Elternteil zuordnen.

Allerdings wurden Ähnlichkeiten eher zwischen den Neugeborenen und den Müttern festgestellt. Für Mädchen blieb dies die nächsten Jahre über so, während Jungen im Alter zwischen zwei und drei Jahren offenbar eine Ähnlichkeit zu ihrem Vater entwickelten.

Es gibt allerdings noch einen Faktor, der möglicherweise eine Rolle bei der Wahrnehmung der Väter spielt. Bereits im Jahre 2000 hatten zum Beispiel D. Kelly McLain und ihre Kollegen von der Georgia Southern University, Statesboro, USA, Mütter nach der Geburt im Krankenhaus besucht und gefragt, wem das ein bis drei Tage alte Baby ähnlicher sehe: Dem Vater, so erklärte die Mehrheit der Mütter.