bedeckt München

Fotografie im Ersten Weltkrieg:Weltenbrand in Farbe

Die zerstörten Quais de Verdun lichtete im Jahr 1916 der französische Bildreporter Jules Gervais-Courtellemont ab.

(Foto: Jules Gervais-Courtellemont)

Zu Zeiten des Ersten Weltkriegs war die Welt noch schwarz-weiß oder bestenfalls koloriert. Dabei gibt es echte Farbbilder aus jener Epoche. Doch sie wirken heute fast unnatürlich.

Von Peter Walther

In der Wahrnehmung der heute lebenden Menschen haben die Weltkriege des 20. Jahrhunderts in Schwarz-Weiß stattgefunden. Zwar wird für moderne Geschichtsdokumentationen mittlerweile historisches Filmmaterial am Computer nachkoloriert, doch zeigen diese Bilder nicht die Wirklichkeit. Kritiker wenden zudem ein, die Bildkomposition werde dadurch verfälscht und das Gleichgewicht der Schwarz-, Weiß- und Grautöne zerstört, was den Kunstcharakter des Films verrate und eine falsche Rezeptionshaltung erzeuge. Dabei war das Kolorieren auch vor hundert Jahren üblich. Das bis in die 1920er-Jahre hinein am stärksten verbreitete farbige Bildmedium war die Postkarte. Doch wo auf blassblauem Himmel rosa Wölkchen schweben, liegt ein ordinäres Schwarz-Weiß-Bild zugrunde.

Dieses Fluggerät war eines von rund 3250 Motiven, die der französische Fotograf Jules Gervais-Courtellemont während des Ersten Weltkriegs ablichtete. Dieses Bild zeigt ein Kampfflugzeug mit den Kennzeichen der französischen Luftwaffe.

(Foto: Jules Gervais-Courtellemont)

Auch beim Film wurde bereits kurz nach der Jahrhundertwende mit Farbe experimentiert. Üblich waren neben der extrem aufwendigen Einzelbild-Kolorierung die Verfahren monochromatischer Tonung oder Virage ganzer Sequenzen. Die Farbe diente als dramaturgisches Mittel: Blau stand für die Nacht, Grün für die Natur und Rot für die zumindest teilidentischen Szenarien Liebe und Gefahr. Doch lässt sich auch ein authentisches Farbbild der Epoche gewinnen? Gibt es aus der Zeit des Ersten Weltkriegs auch echte Farbfilme und Farbfotos?

Ein weiteres Bild von Jules Gervais-Courtellemont zeigt Robert Nivelle, der nach Erfolgen in der Schlacht an der Marne im Oktober 1914 zum Brigadegeneral befördert worden war.

(Foto: Jules Gervais-Courtellemont)

Farbfotos dank Kartoffelstärke

Farbige Filmaufnahmen vom Kriegsgeschehen sind nicht überliefert, auch wenn es frühe Versuche gab, drei parallele Schwarz-Weiß-Filme mit Farbfiltern übereinander zu projizieren. Farbige Kriegs-Fotografien hingegen gibt es sehr wohl - und das mit überraschend innovativer Technik. Seit 1861 war die Methode bekannt, drei Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit Farbfiltern zu belichten und übereinander zu projizieren.

Dieses Bild von Hans Hildenbrand zeigt eine Feldkantine des Jahres 1915. Hildenbrand war vor allem im Elsass und den Vogesen unterwegs.

(Foto: Hans Hildenbrand)

Das in der Praxis schwerfällige System bekam 1907 Konkurrenz durch eine Platten-Technik der Brüder Lumière, die diese "Autochrom" nannten. Es war der Vorläufer des echten Farbfilms. Eine mit Kleber bestrichene Glasplatte wurde mit durchsichtigen Kartoffelstärketeilchen in den Farben Orangerot, Grün und Violett bestäubt. Diese Partikel waren so klein, dass bis zu 8000 Teilchen auf einen Quadratmillimeter passten. Sie mussten die Platte lückenlos bedecken, und die Schicht durfte nur ein Korn dick sein. Anschließend wurde eine dünne lichtempfindliche Emulsion darübergegossen.

Dieses in der Nähe von Rethel abgeschossene Luftschiff der französischen Streitkräfte dokumentierte der Deutsche Hans Hildenbrand.

(Foto: Hans Hildenbrand)

In der Kamera traf das Licht von der Glasseite auf die Platte; die unterschiedlich farbigen Stärketeilchen wirkten wie winzige Farbfilter, die jeweils nur einen Farbbereich des Lichtspektrums auf die lichtempfindliche Schicht durchließen. Nach der Entwicklung entstand auf diese Weise ein Glasdia von reizvoller, pointilistischer Farbigkeit.

Musste bis dahin das Motiv für eine farbige Darstellung dreimal abgelichtet werden, genügte nun eine einzige Aufnahme. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg entstanden mit dieser Technik Hunderttausende Farbaufnahmen. Wer den Weltenbrand heute in authentischen Farben sehen will, findet zwar kein Filmmaterial, kann aber auf mehrere Tausend Autochromen zurückgreifen. Die meisten davon stammen von französischen Bildreportern. Im Frühjahr 1915 war die Fotografische Abteilung der Armee gegründet worden. Angeheuert wurden zunächst 15 Fotografen, die vorwiegend das Leben in der Etappe dokumentierten. Da die Belichtungszeiten für Momentaufnahmen lang waren, musste jede Art von Bewegung nachgestellt werden.

Der Deutsche Hans Hildenbrand fotografierte diesen Schützengraben im Oberelsass im Jahr 1916. Weil das verwendete Autochrom-Verfahren lange Belichtungszeiten brauchte, mussten aufgenommene Personen lange stillhalten.

(Foto: Hans Hildenbrand)

"Archive des Planten"

Außerhalb des Militärs gab es eine Reihe weiterer Fotografen, die das Kriegsgeschehen aus französischer Sicht in Farbe festhielten und Farbbilder etwa in Lazaretten oder im Hinterland aufnahmen. Der Fotograf Jules Gervais-Courtellemont fotografierte regelmäßig für die Zeitschrift L'Illustration. Seine Farbfotos von der ersten Marne-Schlacht und vom Grabenkampf in Verdun erschienen 1915 bzw. 1916 sogar in Buchform.

Ein Foto algerischer Truppen, aufgenommen vom französischen Bildreporter Jules Gervais-Courtellemont.

(Foto: Jules Gervais-Courtellemont)

Einige der Bildreporter, insgesamt lassen sich auf französischer Seite zwölf Autochrom-Fotografen namhaft machen, arbeiteten parallel für das Unternehmen von Albert Kahn. Der philanthropische Bankier, ein Freund Henri Bergsons, hatte sich 1908 vorgenommen, mit seinen farbigen "Archiven des Planeten" das Wissen der Völker voneinander zu bereichern und die gegenseitige Verständigung zu fördern. Das Unternehmen versandete, nachdem Khan beim Börsencrash 1929 sein gesamtes Vermögen verloren hatte.

Aufseiten der Entente sind vom Kriegsgeschehen ansonsten nur einige Farbfotos der Australier Frank Hurley und George Hubert Wilkins bekannt geworden. Sie entstanden nach einem 1912 in England patentierten Verfahren ("Paget Colour System"), das den Autochromen jedoch unterlegen war. Auch nicht ganz farbstabil ist das einzige überlieferte Farbfoto aus der Kriegszeit, das der russische Fotograf Sergei Prokudin-Gorski von österreichischen Kriegsgefangenen 1915 in Karelien aufnahm.

Französische Soldaten bei der Rast, ebenfalls aufgenommen von Jules Gervais-Courtellemont.

(Foto: Jules Gervais-Courtellemont)

Der einzige Fotograf, der das Kriegsgeschehen aufseiten der Mittelmächte in Farbe festgehalten hat, war der Stuttgarter Hans Hildenbrand. In Deutschland ist die Kriegsfotografie erst mit der Einrichtung des "Bild- und Filmamtes" 1917 zentralisiert worden. Offiziell gab es nur neunzehn akkreditierte Kriegsfotografen, doch vor allem in den grenznahen Gebieten sind Fotografen mit Erlaubnis der örtlichen militärischen Stellen aktiv geworden. Hildenbrand fertigte 1915 und 1916 in den Vogesen und im Elsass Farbfotos an und hielt dabei, wie seine französischen Kollegen, vor allem das Geschehen in der Etappe fest. Überliefert sind mehr als achtzig Autochrome sowie ein Dutzend Stereo-Farbaufnahmen, die einzigen, die es vom Ersten Weltkrieg überhaupt gibt.

Ein weiteres Bild von Jules Gervais-Courtellemont, der viel für die Zeitschrift L'Illustration arbeitete. Es zeigt eine französische Automobil-Batterie zur Luftabwehr.

(Foto: Jules Gervais-Courtellemont)

Warum erscheinen kolorierte Bilder glaubwürdiger als echte Farbfotos?

Österreichische Kriegsgefangene zeigt das einzige Weltkriegs-Dokument des Fotografen Sergei Prokudin-Gorski.

(Foto: Sergei Prokudin-Gorski)

Warum also erscheint uns das frühe Zwanzigste Jahrhundert in den künstlichen Pastellfarben der Handkolorierungen glaubwürdiger als in der impressionistischen Körnigkeit der Autochrome? Wir verbinden unsere Vorstellung von der Farbigkeit einer Zeitepoche stets mit dem farbigen Abbild, das die Zeit von sich selbst gemacht hat. Authentisch wirkt nicht, was wir im Stil der Gegenwart mit unseren technischen Mitteln reproduzieren könnten.

Echt wirkt vielmehr jene Farbigkeit, die von den zeitgenössischen technischen Begrenzungen und ästhetischen Vorstellungen der Vergangenheit bestimmt ist und die anschließend in die kollektive Wahrnehmung einsickert. Natürlich ist klar, dass die Zeitgenossen des Ersten Weltkriegs ihre Welt weder als Aquarell noch hinter einem Raster kleiner bunter Krümel wahrgenommen haben. Dass wir heute die Artefakte kolorierter Fotos für authentischer halten als die der Autochrome, liegt an der medialen Dominanz einer Überlieferung von Hunderttausenden bunten Postkarten im Vergleich zu ein paar Tausend echten Farbfotos, von denen die meisten auch noch recht unbekannt sind.

So erhält jede Zeit mit einigem Abstand ihre eigene Farbästhetik. Selbst wenn nur Wald, Himmel und Wolken zu sehen sind, erkennen wir etwa beim Durchschalten am Fernseher, aus welcher Zeit der gezeigte Farbfilm stammt. Die Produzenten von Geschichtsdramen spielen wiederum mit unserem Wissen um die Farbcharakteristik einer Epoche, wenn sie historisches Material oder nachgestellte Szenen mit dem vermeintlich zeittypischen Kolorit ausstatten. So leuchtet der Zweite Weltkrieg wahlweise im typischen Blau-Grün-Stich von Agfacolor oder in den satten Farben von Kodachrome auf.

Als weithin typisch für die Fünfzigerjahre erkennen wir dagegen die schreiende Farbigkeit von Technicolor. Doch was wir für die authentische Farbe eines Zeitalters halten, ist selbst schon ein Produkt unserer Sehgewohnheiten. Der 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs im Jahr 2014 wird uns eine Flut farbiger Fotos aus den französischen Archiven bescheren. Wie immer das unser Bildgedächtnis und unsere Rezeptionserwartungen verändern wird: Es bleibt die befremdliche Gewissheit, dass der Himmel vor fünfzig oder hundert Jahren nicht anders blau als heute aussah und das Gras nicht anders grün.

© SZ vom 26.01.2013/mcs
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema