Forschungspolitik Profit statt Erkenntnis

Deutsche Forschungsorganisationen sorgen sich um den Status der Sozial- und Geisteswissenschaften. Sie würden in EU-Förderprogrammen wie "Horizon 2020" marginalisiert.

(Foto: Bibliotheca Hertziana)

Deutsche Forschungsorganisationen kritisieren die Förderpolitik der EU: Das Geld werde zu stark nach dem wirtschaftlichen Nutzen verteilt. Die Geisteswissenschaften gingen dabei oft leer aus.

Von Wiebke Rögener

Während es in Europa an vielen Ecken kriselt und bröselt, schien der Bereich der Forschungspolitik bislang vergleichsweise stabil zu sein; Wissenschaft ist schließlich ein grenzübergreifender Prozess. Doch nun gibt es auch dort Ärger. Die deutschen Forschungsinstitutionen, zusammengeschlossen in der "Allianz der Wissenschaftsorganisationen", sind unzufrieden damit, wie EU-Forschungsmittel vergeben werden. Ein kürzlich veröffentlichtes Positionspapier dazu enthält ungewohnt harsche Töne.

Die EU-geförderte Forschung orientiere sich immer stärker an wirtschaftlichen Zielvorstellungen, bemängelt die Allianz: "Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise wurde das EU-Forschungsrahmenprogramm zunehmend als ein Programm formuliert, das Impulse für Wirtschaftswachstum liefern soll."

Die bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für internationale Zusammenarbeit zuständige Direktorin, Priya Bondre-Beil, stellt fest: "Die EU-Kommission hat ein zunehmend marktnahes Verständnis von Innovation." Es gehe immer mehr um Neuerungen, die unmittelbar anwendbar sind und sich vermarkten lassen. Die erkenntnisorientierte, hypothesengetriebene Forschung komme dabei zu kurz, fürchtet auch der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Matthias Kleiner: "Innovationsprozesse sind kein Montagevorgang, wo man am Anfang eine Erkenntnis aufs Band setzt und am Ende das gewünschte neue Produkt in die Arme fällt", bemerkt der Maschinenbauer, der von 2007 bis 2012 auch die DFG anführte.

Deren amtierender Präsident Peter Strohschneider wirft in der aktuellen Ausgabe des hauseigenen Magazins forschung dem EU-Forschungskommissar Carlos Moedas gar "ökonomischen Reduktionismus" vor und fragt: "Wollen wir wirklich ein Europa, das impact-orientierte Forschung gegen wissenschaftliche Neugier ausspielt, anstatt beide als wichtige und miteinander verknüpfte Elemente des Forschungs- und Innovationssystems zu betrachten?" Es sei von grundlegender Bedeutung, dass nicht auch noch die Forschung und ihre Förderung "ökonomistisch enggeführt" werde.

Immer öfter werden Mittel für Forschung als Kredite vergeben. Wie sollen die abbezahlt werden?

Seit Jahren wird der Großteil der EU-Forschungsmittel für konkrete Anwendungsfelder vergeben. In dem seit 2014 laufenden EU-Förderprogramm "Horizon 2020" stehen sie zum einen unter der Überschrift "Gesellschaftliche Herausforderungen", wozu Gesundheit, Klimaschutz und Energieforschung zählen. Zum anderen fördert Horizon 2020 unter der Überschrift "Führende Rolle der Industrie" industrielle Forschung, etwa in der Nano- und Biotechnologie. Doch es gibt bisher auch einen beträchtlichen Etat, um den sich akademische Forscher bewerben können. 2007 wurde dafür eigens der Europäische Forschungsrat (ERC) eingeführt.

Ausschlaggebend für die Bewilligung von ERC-Geld soll allein die Qualität der Bewerber und deren Vorhaben sein, nicht aber, ob das Thema politisch erwünscht ist. Von den insgesamt rund 75 Milliarden Euro des aktuellen Programms Horizon 2020 vergibt der ERC etwa 13 Milliarden. Diese Fördermöglichkeit sehen die deutschen Wissenschaftsorganisationen nun offenbar bedroht und mahnen an, das Budget des Forschungsrats müsse "mindestens erhalten bleiben".

Besonders verbittert es die akademischen Forscher, dass die EU Mittel für Forschung und Innovation immer öfter über Kredite vergibt. Das Positionspapier der Allianz erläutert: Die Kreditfinanzierung von Forschungsvorhaben ist für öffentliche Forschungsorganisationen in Deutschland gar nicht zulässig. Doch wurden aus dem Programm Horizon 2020 bereits 2,2 Milliarden Euro herausgenommen und in den Europäischen "Fonds für strategische Investitionen" umgeleitet - nach dem EU-Kommissionspräsidenten auch "Juncker-Fonds" genannt.

Auch Forscher können dort Kredite beantragen. "Doch woraus sollen die zurückgezahlt werden?", fragt Matthias Kleiner. "Forschung wirft ja normalerweise nicht unmittelbar Gewinne ab, schon gar nicht in öffentlichen Forschungseinrichtungen. Wir sind strikt dagegen, weitere Fördermittel umzuschichten." Auch die DFG wendet sich entschieden gegen Forschung auf Pump: "Diese Art der Finanzierung ist nicht für erkenntnisgeleitete Forschung geeignet", sagt die DFG-Funktionärin Bondre-Beil. "Vor allem aber widerspricht das unserem Verständnis einer freien, auch von den Finanzmärkten unabhängigen Wissenschaft."

Doch Brüssel will von der Kreditfinanzierung nicht abrücken. Kredite, Kapitalbeteiligungen und Zuwendungen hätten alle ihren Platz in der Förderung von innovativen Firmen und Projekten, beharrt ein Sprecher der Generaldirektion Forschung. Förderung auf Kreditbasis werde es weiterhin geben, etwa, um kleine und mittlere Unternehmen im Innovationsprozess zu unterstützen. Tatsächlich aber würden diese Mittel oft für konventionelle Projekte und zur Absicherung von Krediten an Unternehmen vergeben, berichtet Priya Bondre-Beil von der DFG.

Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), Martin Stratmann, fordert eine Verlagerung von Forschungsgeld in die entgegengesetzte Richtung: "Wir brauchen in der EU mehr Mittel, die über den Europäischen Forschungsrat vergeben werden, bei denen die Politik sich heraushält und allein nach wissenschaftlichen Qualitätsmaßstäben entschieden wird." Das muss keineswegs dazu führen, dass Wissenschaftler sich abwegigen und anwendungsfernen Fragen widmen. Der derzeitige Präsident des ERC, Jean-Pierre Bourguignon, erklärt, mit ERC-Mitteln seien viele Erfolge in anwendungsnahen Forschungsbereichen erzielt worden.

Früher gab es auch ein Programm für Geisteswissenschaften. Davon ist nicht mehr viel übrig

Besondere Sorgen machen sich die deutschen Forschungsorganisationen um die Sozial-und Geisteswissenschaften. Sie würden in Horizon 2020 marginalisiert, beklagt das Positionspapier. Während es im bis 2014 laufenden 7. Forschungsrahmenprogramm noch ein eigenes Arbeitsprogramm für "Social Sciences and Humanities" gab, sollte dies in Horizon 2020 zunächst ganz wegfallen. In Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament wurde dann das Förderprogramm "Europe in a changing world - inclusive, innovative and reflective societies" eingeführt. Mit einer mageren Ausstattung von 1,7 Prozent des Gesamtbudgets.

Dabei sollte die Förderung der Sozial- und Geisteswissenschaften zunehmen, meint Matthias Kleiner. "Zum einen müssten diese viel stärker als bisher in Innovationsprozesse einbezogen werden. Die Entwicklung eines autonom fahrenden Autos beispielsweise ist nicht nur eine technische Aufgabe." Sie werfe auch rechtliche und ökonomische Fragen auf, ebenso wie Akzeptanzprobleme. Zum anderen seien große gesellschaftliche Aufgaben zu bewältigen, etwa die Zuwanderung. "Wie gehen wir mit immer heterogeneren, vielfältig zusammengesetzten Gesellschaften um, wie verhalten sich Integration und kulturelle Identität zueinander?" Die Krise des politischen Europas sei ein riesiges Forschungsfeld für die Sozial-, Politik-, Kultur- und Wirtschaftswissenschaften. "Gemessen daran erhalten diese Bereiche durch die europäische Forschungspolitik viel zu geringe Mittel", sagt Kleiner. Auf Anfrage erklärte ein EU-Sprecher dazu, die EU-Kommission werde in den kommenden Wochen neue Fördermöglichkeiten für Forschung zur Migration ankündigen. Wie viel Geld das sein wird, war noch nicht zu erfahren.

Priya Bondre-Beil sagt, es gehe nicht nur um Finanzen, sondern auch um den Status, der den Sozial- und Geisteswissenschaften zugewiesen wird: "In Horizon 2020 werden sie vor allem als Begleitwissenschaften für naturwissenschaftliche und technische Innovationen gesehen. Sie sollen dafür ein Feigenblatt liefern, nach dem Motto: 'Auch gesellschaftliche und soziale Aspekte wurden berücksichtigt.' Das wird diesen Fächern nicht gerecht."

"Der Europäische Forschungsraum muss als ein auf Jahrzehnte angelegtes Projekt begriffen werden", sagt MPG-Präsident Martin Stratmann. Ziel sei es, Europa konkurrenzfähig und anziehend für Forscher aus aller Welt zu machen. "Das scheint mir - angesichts der Fokussierung auf unmittelbare Innovationserwartungen - derzeit etwas aus den Augen der Forschungspolitik zu geraten."