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Krebsforschung:Eine Forschungsakte für jeden Patienten?

Können Sie ein Beispiel nennen?

Es geht darum, Muster zu erkennen. Dazu braucht man viele Daten der Person, welche Krankheiten hatte sie, wie wurde sie behandelt, und so weiter. Wir fördern bereits ein Projekt, das Daten - radiologische, genetische und weitere klinische Daten - von Patienten mit Leber-Bauchspeicheldrüsen-Tumoren zusammenführt. Diese Tumore sind derzeit nicht gut therapierbar, aber schnell anwachsend. Deshalb müssen Therapieentscheidungen schnell getroffen werden. IT-Lösungen helfen hier, ähnliche Krebsfälle zu entdecken und individuell passende Behandlungen zu ermöglichen.

2013 wurden zu diesem Zweck die klinischen Krebsregister eingeführt. Reichen die nicht aus?

Ich glaube, dass wir noch kleinteiliger werden müssen, um Differenzierungen herausfiltern zu können. Wir brauchen mehr Daten, als sie gegenwärtig in den klinischen Krebsregistern erfasst werden. Diese Register haben zwar inzwischen Standards entwickelt, an denen wir uns orientieren können. Allerdings benötigen wir mehr Details, auch in der Prävention, aus allen Bereichen - Ernährung, Bewegung, Alkoholkonsum, aber genauso Impfungen.

. . .wie jene gegen das HPV-Virus, die vor Gebärmutterhalskrebs schützt.

Wir fördern bereits Projekte, auf deren Grundlage eine Forschungsdatenbank entstehen kann. Mein Traum wäre, diese Art von Forschung noch viel mehr Patienten mit anderen Erkrankungen und ihren Familien ermöglichen zu können und diese Daten als Teil der Patientenakte zu nutzen.

Medizin Ein Leben, zweimal Krebs
Medizin

Ein Leben, zweimal Krebs

Auffällig viele Empfänger von Spenderorganen erkranken nach der Transplantation an Krebs - manche sogar mehrmals. Die Ursache ist bekannt, aber trotzdem kaum zu vermeiden.   Von Susanne Donner

Bekommt also künftig jeder Patient eine Krebsforschungsakte?

Das nicht. Aber wir brauchen Daten in einer gewissen Größenordnung, um zu Ergebnissen zu kommen. Ich gehe davon aus, dass ein Mensch, der selbst Krebs hat, oder auch ein Angehöriger aus der Familie, bereit wäre mitzumachen. Ich werde mich dafür einsetzen.

Um die Früherkennung datenbasiert zu verbessern, müssten auch von Screeningteilnehmern Daten gesammelt werden, also von gesunden Menschen.

Wenn wir sicherstellen können, dass die Daten ausschließlich zu medizinischen und zu Forschungszwecken genutzt werden, dann werden sich, davon bin ich überzeugt, viele Menschen beteiligen. Das ist ein wichtiger Punkt, die Daten müssen auf jeden Fall geschützt bleiben. Wenn man das alles gut erklärt und sagt: Mit einem mäßigen Aufwand können Sie sich daran beteiligen, die Früherkennung und Behandlung von Krebs zu verbessern, das wird intensiv zur Forschung eingesetzt, dann bin ich sehr optimistisch, dass das funktioniert.

Der letztjährige Nobelpreis hat erneut gezeigt, dass am Anfang jeder Therapie die Grundlagenforschung steht.

In der Grundlagenforschung ist eine Menge geleistet worden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, das ist ein Feld, auf dem wir in Deutschland sehr gut sind. Die Idee ist, aus diesen vielen Vorarbeiten - wie gesagt, das DKFZ arbeitet hier schon fast 50 Jahre - über die translationale Medizin zu zeigen: Jetzt geht es verstärkt in die Umsetzung, die Fortschritte kommen bei den Menschen an.

Rückt die Grundlagenforschung erst einmal in den Hintergrund?

Nein. Wir wollen die Krebsforschung zehn Jahre lang insgesamt stärken, um zu neuen Erkenntnissen zu kommen und diese in die Breite zu tragen. Wenn wir feststellen, dass ein konkreter Bereich der Grundlagenforschung besonders gefördert werden muss, dann werden wir das tun. Vielleicht erscheint es vorerst auch sinnvoller, auf deutscher, aber auch auf europäischer und internationaler Ebene, Geld in Dateninfrastruktur zu stecken, die Vernetzung von Grundlagen- und Anwendungsforschung voranzutreiben.

Der Krebsatlas hat zuletzt gezeigt, dass Patienten in Deutschland noch nicht die optimale Behandlung erhalten.

Jeder Patient soll künftig wissen, dass er als Krebskranker in Deutschland am besten aufgehoben ist, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Das ist das Ziel.

Medizin "Krebs ist ein Teil des Lebens"

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Bei jeder Zellteilung im Körper kann etwas schieflaufen, sodass ein Tumor entsteht. Der Biologe Robert Weinberg erklärt, wie trotzdem Erfolge in der Behandlung dieser so komplexen Krankheit gelingen.   Interview von Hanno Charisius