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Forschung und Gesellschaft:Ohne Kampf geht es nicht

Oreskes zufolge haben Wissenschaftler heute Angst, als Aktivisten oder Interessenvertreter wahrgenommen zu werden, wenn sie sich jenseits wissenschaftlicher Aufsätze oder Meetings politisch äußern. In ihren Studien will die studierte Geowissenschaftlerin erkannt haben, dass Wissenschaftler eine "imaginäre rote Linie" zwischen Wissenschaft und Politik ziehen. Diese Linie zu übertreten erachten viele Forscher als gefährlich für ihre Glaubwürdigkeit. "Lasst die Fakten für sich sprechen", so lautet Oreskes zufolge der Wahlspruch dieser Wissenschaftler. Sie selbst entgegnet: "Fakten sprechen nicht für sich." Es brauche das Wissen der echten Experten, um sie sprechen zu lassen.

Dass man sich mit den Fakten selbst in Echoräumen verbarrikadiert, ähnlich jenen, in denen Impfgegner, Homöopathen und Kreationisten einander das Wort reden, wird immerhin einer wachsenden Zahl von Wissenschaftlern klar - auch in Deutschland. Alle Akademien und Forschungsorganisationen haben mit ihrer Beteiligung am March for Science in deutschen Städten, aber auch durch ein wachsendes Engagement gegenüber der interessierten Öffentlichkeit demonstriert, dass sie die Notwendigkeit des öffentlichen und politischen Dialogs erkennen.

So hat die Nationale Akademie der Wissenschaften im Verbund mit verschiedenen anderen Organisationen Stellungnahmen zur neuen Gentechnik und zur Biomedizin verfasst und darin zumindest Position bezogen. Wissenschaftsorganisationen und Wirtschaftsverbände haben sogar eine Stellungnahme verfasst, die den Parteien in den derzeitigen Koalitionsverhandlungen sehr deutlich machen soll, wie bedeutend die Wissenschaft für die Zukunft der Bundesrepublik ist.

Allerdings zeigen die Vorstöße auch, wie unbehaglich sich die Zunft der Entdecker dabei fühlt, konkrete Handlungsanweisungen zu erteilen und sich damit zu exponieren. Zu bevorstehenden Entscheidungen im Politbetrieb äußern sich Wissenschaftler meist nur, wenn sie als Experten geladen werden. Und dann auch nur hinter verschlossener Türen, ohne dass die Öffentlichkeit davon sehr viel mitbekäme, denn das soll sie ja gar nicht. Die versuchte Änderung des Gentechnikgesetzes war so ein Beispiel für einen politischen Prozess, der von Experten zwar beraten, aber öffentlich kaum diskutiert wurde. Auch zum teuflischen Thema Glyphosat äußerten sich viele Wissenschaftler nur vorsichtig und auf Nachfrage durch die Medien.

Doch es gibt auch andere Beispiele. Erst vergangene Woche hat eine Expertengruppe der Leopoldina öffentlich ein Fortpflanzungsmedizingesetz gefordert, das an die Stelle des völlig veralteten, von wissenschaftlicher Erkenntnis überholten Embryonenschutzgesetzes treten soll. Zuvor hatte ein Kreis von Wissenschaftlern ebenfalls öffentlich einen konkreten Vorschlag dafür unterbreitet, wie die Heilpraktikerausbildung in Deutschland künftig gestaltet werden sollte, um den Erkenntnissen der Medizin gerecht zu werden. Die Reaktionen waren heftig, aber darauf hatten sich die Vertreter des sogenannten Münsteraner Kreises eingestellt. Was sie wollten, war die offene Debatte.

Ohne Kampf geht es eben nicht, sonst überlässt man das Feld den Gegnern der Wissenschaft - und die wissen eines sicher, nämlich wie man es macht. Oreskes hat belegt, dass Zweifler und Leugner die gleichen Strategien benutzen wie einst die Tabakindustrie: Sie präsentieren einfach ihre eigenen Experten, die sich mit bezahlten Gutachten gegen den wissenschaftlichen Konsens stellen, als eine Art Gegenwissenschaft, die aber methodisch nichts mit dem Original zu tun hat.

In der Öffentlichkeit entfalten diese Strategien schon deshalb Wirkung, weil sie Verwirrung stiften. Besonders effektiv aber sind sie, wenn sie unwidersprochen bleiben. Von Vereinen bestellte Gutachten stehen dann plötzlich neben wissenschaftlichen Studien und Analysen, als seien sie gleichwertig. An einer solchen Irreführung kann auch die Öffentlichkeit kein Interesse haben.

© SZ vom 23.10.2017/beu

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