Forschung:Müllvermeidung in Medizin-Journalen

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Jeden Tag werden 75 klinische Studien und elf systematische Übersichtsarbeiten veröffentlicht - darunter zu viele, die eigentlich überflüssig sind.

Werner Bartens

Es ist ein Hilferuf. 75 klinische Studien und elf systematische Übersichtsarbeiten am Tag sind einfach zu viel. Ein solches Quantum an medizinischer Fachliteratur kann kein Arzt lesen, erst recht nicht verstehen und nutzbringend für seine Arbeit umsetzen.

Medizinische Studien, Medline

Eine Suche in Medline (Medical Literature Analysis and Retrieval System Online) des amerikanischen National Center for Biotechnology Information zeigt eindringlich die riesige Menge an Studien, die es zu verschiedenen medizinischen Themen gibt.

(Foto: screenshot)

Doch mit dieser täglichen Menge ist längst noch nicht der gesamte Ausstoß an medizinischer Literatur erfasst - hinzu kommen Fallberichte, unsystematische Überblicksartikel und etliche Beiträge, die zu Recht nicht in elektronischen Datenbanken zu finden sind.

Allein die dokumentierte Literatur summiert sich auf etwa 150.000 medizinische Fachartikel im Jahr, Tendenz steigend. Kein Wunder, dass die Studienexperten Hilde Bastian, Paul Glasziou und Iain Chalmers im Fachblatt PloS Medicine (online) vom heutigen Mittwoch fragen: Wie sollen wir da nur auf dem aktuellen Stand bleiben?

Vor 30 Jahren beklagte der britische Arzt Archie Cochrane, dass es der Medizin noch nicht gelungen sei, für ihre Subdisziplinen regelmäßig eine kritische Zusammenfassung der relevanten klinischen Studien zu erstellen.

Noch älter ist die Klage, dass kritische Bewertungen in der Literatur verstreut und oft schwer zugänglich seien. "Wir leben noch immer mit diesen Problemen", schreiben jetzt die Autoren: "ein Übermaß an ungefilterten Daten und der fehlende Zugang zu Informationen, die für das Wohlergehen der Patienten wichtig sind".

Der Wildwuchs hat viele Gründe. Bisher fand jeder Arzt, der das Alphabet beherrschte, ein Forum, um auch miese Daten in einer Zeitschrift unterzubringen. Noch immer werden viele Studien nicht publiziert, wenn sie unerwünschte Ergebnisse bringen. Ein Register, in das alle Studien vor Beginn aufgenommen werden, gibt es zwar in vielen Ländern (zum Beispiel www.drks.de), die Meldung dort ist aber nicht verpflichtend. Zudem ist noch immer die Mehrzahl der Überblicksartikel narrativ und unsystematisch.

Experten berichten nach Belieben von ihrer Forschung, statt - wie in systematischen Reviews - nach Qualitätskriterien eine Gewichtung und Auswertung der besten Studien vorzunehmen. Fast 80.000 "erzählerischen" Übersichten stehen nur etwa 4000 systematische gegenüber.

Damit sich etwas ändert, muss "weniger Müll" in Fachblättern erzeugt werden, so die Autoren. "Der einzige Weg, um aus dieser Lage herauszukommen, besteht darin, mehr Qualität und streng systematisches Vorgehen zu fordern", sagt Gerd Antes, Leiter des Deutschen Cochrane-Zentrums. "So lange aber die Masse der Artikel für eine medizinische Karriere genauso förderlich ist wie die Klasse, ändert sich daran sicher wenig. Viele Abläufe im Publikationsprozess müssten verbessert werden. Geschieht dies nicht, leiden und sterben weiterhin unnötig Menschen."

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