Folgen des Klimawandels:"Ein Wahrnehmungsproblem"

sueddeutsche.de: Ist das so neu?

Mauelshagen: Das Problem ist, dass es bisher keine Basis für eine umfassende Einschätzung der Folgen des Klimawandels für Gesellschaften unterschiedlichen Typs gibt. Die Klimafolgenforschung steckt immer noch in den Kinderschuhen. Das belegt auch der zweite Teil des letzten Weltklimarat-Reports, in dem es genau darum geht. Dieser Teil ist wissenschaftlich viel problematischer als der erste Teil, in dem dargestellt wird, dass die Treibhausgasemissionen für den Klimawandel mitverantwortlich sind.

sueddeutsche.de: Wieso sind sich die Menschen in den Industriestaaten so wenig bewusst, dass sich die Folgen des Klimawandels nicht auf die Entwicklungsländer beschränken?

Mauelshagen: Dazu kann ich keine Antwort bieten, die durch empirische Sozialforschung oder Umfragen abgesichert ist. Ich bin aber davon überzeugt, dass es sich im Kern um ein Wahrnehmungsproblem handelt. Moderne Gesellschaften leben in der Illusion, von ihrer natürlichen Umwelt nicht mehr abhängig zu sein.

sueddeutsche.de: Wie kommt das?

Mauelshagen: Das hat damit zu tun, dass direkte Interaktionen mit der Natur in modernen Arbeitswelten selten geworden sind. Wir verwenden zum Beispiel elektrische Geräte und sehen Steckdosen, aber keine Kohlebergwerke oder Ölfördertürme. Unsere Abhängigkeit von der natürlichen Umwelt sehen wir nicht mehr, weil sie in unendlich vielen kleinteiligen Prozessen aus unserer Wahrnehmung verschwindet. In Wahrheit ist sie aber stets und überall gegeben.

Einige Industrieländer bekommen das inzwischen ja auch zu spüren. Australien hat seit Anfang des neuen Jahrtausends jahrelange Dürren und zuletzt schwere Überschwemmungen erlebt. Die Kosten sind enorm. Einige Gebiete mussten evakuiert werden. In gewissem Umfang stehen sogar Umsiedlungen auf der Agenda. Allerdings spricht niemand von "Klimaflüchtlingen" oder "Klimamigranten", wenn solche Ereignisse in Industrienationen stattfinden.

sueddeutsche.de: Das gilt auch für die Amerikaner, die 2005 vor Hurrikan Katrina geflohen sind.

Mauelshagen: Die lehnen diese Bezeichnung sogar selbst ab. Dabei sind die Folgen keineswegs kurzfristig. Viele Menschen sind nie in ihre zerstörten Häuser zurückgekehrt. New Orleans hat mit einem dauerhaften Bevölkerungsverlust und einem reduzierten Steueraufkommen zu kämpfen. Das wiederum wirkt sich auf den Wiederaufbau der zerstörten Infrastrukturen und die Deiche aus, die die Stadt in Zukunft besser schützen sollen. Schon ein Hurrikan der Stärke drei - Katrina hatte die Stärke vier - kann heute den Wiederaufbau zunichtemachen. Wie viele Totalzerstörungen überlebt eine Stadt in prekärer Lage, deren Situation langfristig durch steigende Meeresspiegel und fortschreitende Erosion der Küstengebiete erschwert wird?

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB