Wie mag sich Orville Wright am 14. Dezember 1903 gefühlt haben? An diesem Tag sah er zu, wie sein Bruder Wilbur in die gemeinsam konstruierte Maschine einstieg, bereit, Geschichte zu schreiben. Der Tag ist bis heute als jener bekannt, an dem in den Kill Devil Hills in North Carolina der erste, halbwegs erfolgreiche Versuch des motorisierten Fluges gewagt wurde. Vor dem Start mussten die Brüder Wright entscheiden, wem das Pilotenprivileg zuteilwerden durfte und wer ein kleines bisschen mehr Anteil an diesem Triumphmoment der Technikgeschichte hatte. Orville und Wilbur einigten sich darauf, den Zufall zum Schiedsrichter zu machen, und warfen eine Münze. Eine kluge Wahl – wie hätten sie es auch anders lösen können? Etwa minutiös aufschlüsseln, wer wann welche Idee zur gemeinsamen Konstruktion beigesteuert hatte? Nein, die Fairness gebot, dass der Zufall entscheiden sollte.
Wilbur warf die Münze, Wilbur gewann. Das Glück hat ihm die Gunst des Jungfernflugs in den Schoß geworfen. Und Orville? Es ist gut möglich, dass er haderte, den Zufall still verfluchte und das Ergebnis irgendwie unfair fand. Schließlich hatte sein Bruder die Münze geworfen und gewonnen. Zwar spielte hier nur der Zufall eine Rolle, doch wenn Orville wie die meisten anderen Menschen tickte, dann ließe sich das Ergebnis einer aktuellen Studie mutmaßlich auch auf ihn anwenden. Wie die Psychologen Rémy Furrer, Timothy Wilson und Daniel Gilbert im Journal of Personality and Social Psychology berichten, löst ein verlorener Münzwurf eine „Illusion der Unfairness“ aus, wenn diejenige Person gewinnt, die auch selbst geworfen hat.
Für ihre Studie ließen die US-Wissenschaftler fast 6000 Teilnehmer in Paaren per Münzwurf entscheiden, ob sie eine Belohnung oder eine Bestrafung erhielten (angeblich, um zu testen, wie sich dies auf Lernerfolg auswirkt, so die Tarngeschichte der Studie). Favorisierte das Ergebnis des Münzwurfs jenen Teilnehmer, der den Wurf ausgeführt und auch Kopf oder Zahl angesagt hatte, empfanden die Verlierer das als unfair und den Gewinner als weniger sympathisch. Die Sieger selbst reagierten unter diesen Bedingungen mit einem Hauch schlechten Gewissens auf ihr Glück und bewerteten das Ergebnis ebenfalls als leicht ungerecht.
Wenn Fortuna parteiisch ist
Das Unfairness-Trugbild sei das Ergebnis unmittelbarer, intuitiver Prozesse und lasse sich kaum korrigieren, so die Psychologen. Antrieb dahinter sei eine andere, altbekannte psychische Illusion, so die Forscher, nämlich die Vorstellung, mit einer Handlung Einfluss auf zufällige Ereignisse nehmen zu können. Diese sogenannte Kontrollillusion haben Psychologen in zahlreichen Studien beobachtet – unter anderem bei Glücksspielern, wenn diese etwa versuchen, mit der Kraft ihrer Würfe das Ergebnis auf dem Würfel zu beeinflussen. So lindern sie das Gefühl, der Willkür ausgeliefert zu sein.
Die gnadenlose, unbestechliche und unergründliche Kraft des Zufalls flößt Menschen seit jeher Furcht ein. Und wenn Fortuna andere begünstigt, reagieren sie oft empfindlich. Ob das auch für Orville Wright zutraf? Das wissen wir nicht, doch es wäre gut vorstellbar.

