Flüchtlinge und der Klimawandel Von der Natur vertrieben

Immer mehr Menschen fliehen vor den Folgen von Naturkatastrophen. Damit sie Asyl erhalten können, müssen nun Forscher definieren, ob es sich bei ihnen um "Klimaflüchtlinge" handelt.

Von Christopher Schrader

Die Bewohner des Atolls Carteret in der Südsee und die Menschen aus New Orleans teilen eine zweifelhafte Ehre: als angeblich erste Klimaflüchtlinge der Geschichte. In der Südsee hat Papua-Neuguinea im Jahr 2005 damit begonnen, die von knapp 1000 Menschen bewohnten Inseln des 30 Kilometer großen Atolls zu evakuieren.

Katrina-Flüchtlinge (2005): Umweltmigranten oder Vertriebene?

(Foto: Foto: AP)

Stürme bedrohen ihre Heimat zunehmend, Überschwemmungen versalzen Brunnen und Anpflanzungen. In New Orleans und Umgebung hingegen mussten 2005 Hunderttausende vor dem Hurrikan Katrina fliehen. Er zerstörte Teile ihrer Stadt. Viele von ihnen sind deshalb bis heute nicht zurückgekehrt.

Doch an beiden Orten zeigt sich, wie schwierig der Begriff "Klimaflüchtling" ist. Kein seriöser Forscher macht die globale Erwärmung für einen einzelnen Sturm verantwortlich.

Und das Carteret-Atoll ruht auf Korallenriffen, die wiederum auf dem Krater eines verloschenen Vulkans stehen. Womöglich versinkt er langsam. Zudem wird den Bewohnern vorgeworfen, ihr Atoll beim Fischen mit Dynamit beschädigt zu haben.

Um in solchen Zweifelsfällen den Begriff "Klimaflüchtling" sauber definieren zu können, hat die Umweltschutz-Organisation Greenpeace aus Anlass des Weltflüchtlingstag am Mittwoch eine Studie in Auftrag gegeben.

In Zukunft wird sich in vielen Fällen zeigen, dass der Klimawandel die zentrale Ursache dafür war, dass Menschen ihre Heimat verlassen haben", sagt der Hamburger Politikwissenschaftler Cord Jakobeit, der sie verfasst hat. Wenn ein Staat der Südsee durch den Anstieg des Meeres sein Staatsgebiet verliere, oder Millionen Menschen in Bangladesh ihre Dörfer und Felder, werde niemand argumentieren können, andere Gründe seien gleich wichtig.

Amerikas Versagen

Zurzeit ist der Begriff "Klimaflüchtling" rechtlich undefiniert. Die Genfer Flüchtlingskonvention erkennt nur die Verfolgung durch andere Menschen etwa aus politischen, ethnischen oder religiösen Gründen an; außerdem müssen Flüchtlinge internationale Grenzen überschritten haben, sonst gelten sie als "Vertriebene".

So zählt der Hochkommissar für Flüchtlinge der Vereinten Nationen in seiner soeben veröffentlichten Statistik für 2006 fast 14 Millionen Flüchtlinge weltweit, um die sich mehrere UN-Agenturen kümmern. Dazu kommen 24 Millionen Vertriebene.

Für Klimaflüchtlinge dagegen gibt es nur umstrittene Zahlen. Von 25 Millionen sprach der britische Ökonom Norman Myers schon 1997. Organisationen wie der Weltklimarat IPCC haben die Zahl mangels Alternative aufgegriffen. Jakobeit prognostiziert, dass es in 30 Jahren 200 Millionen Klimaflüchtlinge geben könne.

Andere Sozialwissenschaftler kritisieren die Daten jedoch. Jakobeits Angabe liegt die Zahl der Menschen zugrunde, deren Land bei einem Meeresanstieg um 40 Zentimeter gefährdet wäre.

Und Myers hat jeden mitgezählt, bei dem Umweltzerstörung irgendeine Rolle beim Entschluss gespielt habe, seine Heimat zu verlassen. "Es ist nicht zu bestätigen", dass Menschen ihre Heimat bereits massenhaft wegen des Klimawandels verlassen'', sagt hingegen Thomas Faist.

Viele Länder sträuben sich gegen den Begriff "Klimaflüchtling"

Der Soziologe von der Universität Bielefeld arbeitet in einem europäischen Projekt, bei dem es um Menschen geht, die Faist allgemein "Umweltmigranten" nennt: "Die Zerstörung der Lebensbedingungen ist Teil einer Kette von verflochtenen Ursachen."

Folgen des Klimawandels werden durch ethnische Konflikte verschärft, durch eine sehr ungleiche Verteilung von Land und die Unfähigkeit oder Unwilligkeit von Regierungen, ihren Bürgern zu helfen. Ein solch differenzierter Blick helfe auch der internationalen Gemeinschaft, besser zu helfen.

Für die Bürger von New Orleans ist das eine pikante Definition, auf die Faist hinsteuert: Sollte Katrina etwas mit dem Klimawandel zu tun haben, wären sie dennoch nur dann Klimaflüchtlinge, wenn sich ihre Regierung als unwillig oder unfähig erwiesen hätte, den Evakuierten zu helfen.

Genau das haben zwar viele US-Politiker behauptet, als sie die Nothilfe-Agentur Fema scharf kritisieren. Aber ob auch die internationale Gemeinschaft der Supermacht Amerika ein Versagen attestiert, ist fraglich.

Einig sind sich jedoch die meisten Forscher, dass der Klimawandel als Grund für Flucht wichtiger wird. Der Wissenschaftliche Beirat globale Umweltveränderung (WBGU), der die Bundesregierung berät, hat darum verstärkte Migration als einen der Gründe genannt, aus denen der Klimawandel die internationale Sicherheit bedroht.

Greenpeace fordert nun, Klimaflüchtlinge im Asylrecht und der Flüchtlingskonvention anzuerkennen. Eine solche Festlegung vermeiden viele Staaten zurzeit. So erlaubt zwar Neuseeland jährlich Hunderten von Bürgern bedrohter Südsee-Inseln die Einreise. Aber als Klimaflüchtlinge will das Land die Neuankömmlinge keinesfalls bezeichnet wissen.